Ungewöhnliche Technologie

Nissan Qashqai e-Power: Elektrisch auf Umwegen

Ulla Ellmer

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25.3.2022, 15:04 Uhr

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Es ist nun nicht so, dass Nissan in Sachen Elektromobilität schlecht dasteht. Die erste Generation des kompakten Stromers Leaf debütierte bereits 2012, und ab April nehmen die Japaner Bestellungen für den rein elektrischen Crossover Ariya entgegen.

Was man aber abschlägig bescheiden muss, sind Kundenwünsche nach einem Plug-in-Hybriden. Das heißt jedoch nicht, dass Nissans Bestseller Qashqai die Möglichkeit zum elektrischen Vorankommen verwehrt bleibt. Die Sache funktioniert nur anders: e-Power nennt sich eine Technologie, deren Bestandteile ein Verbrennungs- und ein E-Motor sind, außerdem eine Antriebsbatterie sowie ein Wechselrichter. Der Verbrenner - ein 1,5-l-Dreizylinder - wird als Generator tätig und betreibt eine bordeigene Stromerzeugung. Dieser Strom fließt – abhängig von der Fahrsituation – entweder über den Wechselrichter (Inverter) zur Antriebsbatterie oder aber direkt zum Elektromotor. Er – und nur er – treibt dann die Räder an. Unterm Strich steht also stets elektrisches Fahren.

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Anders als beim Range Extender

Kennt man doch, mag der eine oder andere jetzt anmerken und sich an den verflossenen Opel Ampera erinnern, der – ebenso wie der BMW i3 REx – einen Verbrennungsmotor als Range Extender nutzte, als Reichweitenverlängerer also. Ähnlich verfährt demnächst der Mazda MX-30 R-EV. Zwischen Range Extender und e-Power gibt es jedoch entscheidende Unterschiede. Der erste: Während der „Range“ nur dann eingreift, wenn der Antriebsbatterie der Saft ausgegangen ist, greift der Verbrenner im Qashqai e-Power schon bei stärkeren Beschleunigungsvorgängen ein und überhaupt immer dann, wenn schneller als etwa 55 km/h gefahren wird. Vor allem aber ist die kleine e-Power-Batterie (1,95 kWh) nicht extern an der Steckdose aufzuladen. Damit differenziert sich die Technologie auch von der eines Plug-in-Hybriden.

Importiert aus Japan

In Japan bietet Nissan e-Power bereits seit 2017 an. Europa aber ist ein anderes Terrain, hier hätten die Autofahrer und Autofahrerinnen höhere Erwartungen, sagt Produktplanerin Lucile Laporte. Und so wurde die Leistung des stromproduzierenden 1,5-l-Dreizylinders auf 115 kW/156 PS erhöht, der Elektromotor – auf den es antriebstechnisch ausschließlich ankommt – leistet 140 kW/190 PS und ein Drehmoment von 300 Newtonmetern.

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Neben dem rein elektrischen Fahrgefühl soll sich auch ein Verbrauchsvorteil einstellen, 5,3 l/100 km verspricht die Norm und 119 g/km bei den CO2-Emissionen. Zum Vergleich: Beim 200 Kilogramm leichteren Mildhybrid-Qashqai belaufen sich die Werte auf 6,3 l/100 km und 140 g/km.

Elektrisches Fahrgefühl

Und wie kommt das in der Praxis rüber? Überraschend gut. Als Bühne für die Vorserienfahrzeuge hat Nissan auf dem Circuito del Jarama – von 1969 bis 1981 Formel-1-Rennstrecke – diverse City-, Berg- und Autobahnszenarien simuliert. Erster Eindruck: Der e-Power-Qashqai beschleunigt so ansatzlos, linear und zügig, wie man das von einem „echten“ Elektroauto kennt. Eine variable Verdichtung passt die Kompression beständig an den jeweiligen Leistungsbedarf an. Das Tun des Dreizylinders erfolgt akustisch völlig unaufdringlich; weil sich Drehzahl und Geschwindigkeit analog nach oben entwickeln, bleiben Fahrer respektive Fahrerin von jenem gleichermaßen verwirrenden wie unschönen Phänomen verschont, wonach der Motor schon angestrengt aufheult, bevor sich das Tempo erhöht hat.

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Über eine EV-Taste schicken wir den Dreizylinder in die Pause, der Qashqai verarbeitet dann keinen Sprit und fährt nur mit Strom, allerdings ist das höchstens über eine Strecke von etwa drei Kilometern und bis zu einer Geschwindigkeit von – wir haben es erwähnt – rund 55 km/h möglich. Fürs Rekuperieren ist entweder die Fahrstufe „B“ der Automatik oder der extrastarke „e-Pedal“-Modus zuständig, in letzterem Fall lässt sich das Fahrzeug zumindest im Stadtverkehr nahezu ohne Einsatz des Bremspedals bewegen.

Kein Umweltbonus

Im Sommer kommt der Qashqai e-Power auf den Markt, Ende des Jahres erfolgt eine entsprechende Version des größeren SUVs X-Trail. Dass beide – in Ermangelung externer Lademöglichkeit – auf Umweltbonus und E-Kennzeichen verzichten müssen, betrachtet Nissan nicht als Verkaufshindernis. Denn die umstrittene Förderung der Plug-in-Hybride dürfte über kurz oder lang ohnedies ein Ende finden. Spätestens dann ist der e-Power gegenüber den teuren PHEVs preislich im Vorteil. Was genau er kosten soll, wird zwar noch nicht kommuniziert. "Wir wenden uns an frühere Diesel-Fahrer", sagt Nissan-Sprecher Alexander Sellei aber. Daraus lässt sich wohl ein Aufschlag von etwa 2000 Euro gegenüber dem Mildhybrid-Qashqai ableiten, was dann – eingedenk der mitgelieferten Automatik – auf etwa 36.700 Euro hinauslaufen könnte.

Nissan Qashqai e-Power:

Wann er kommt: Bestellbar ab April 2022, Auslieferungen ab Sommer

Wen er ins Visier nimmt: Hinsichtlich der Technologie kein unmittelbarer Konkurrent

Was ihn antreibt: Elektromotor mit 140 kW/190 PS

Was er kostet: Noch nicht bekannt

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