Fall 10 der Weihnachtsaktion

Leben mit autistischem Kind: "Manchmal ist der Alltag ein einziger Kampf"

Foto: Eduard Weigert Datum: 9.11.16..Mitarbeiterportrait....Silke Roennefahrt
Silke Roennefahrt

Lokalredaktion

E-Mail zur Autorenseite

23.11.2022, 09:55 Uhr
Viele autistische Kinder haben Probleme im sozialen Umgang mit anderen und finden deshalb nur schwer Freunde (das Themenbild zeigt nicht das im Text erwähnte Kind).

© imago images/Cavan Images, NN Viele autistische Kinder haben Probleme im sozialen Umgang mit anderen und finden deshalb nur schwer Freunde (das Themenbild zeigt nicht das im Text erwähnte Kind).

Auf den ersten Blick wirkt Samuel wie ein ganz normales Kind. Wie andere Siebenjährige auch, fällt es ihm schwer, still zu sitzen, deshalb hat ihm seine Mutter erlaubt, mit dem Tablet zu spielen, damit sie in Ruhe erzählen kann. Denn auch wenn es Außenstehenden nicht sofort ins Auge sticht: Samuel ist anders, und über seine Probleme gibt es einiges zu berichten.

Er war noch ein Kleinkind, als seine Mutter merkte, dass ihr Sohn sich anders entwickelt als Gleichaltrige. "Er wollte überhaupt nicht laufen lernen, ich musste ihn noch tragen oder im Kinderwagen fahren, als er längst schon zu groß dafür war", erzählt Anna K. (Namen der Betroffenen geändert). Schon damals habe sie sich dafür rechtfertigen müssen und sei selbst von Fremden darauf angesprochen worden.

Doch Ärzte und Betreuer redeten ihr ihre Bedenken aus. "Er ist ganz normal, nur hinkt er in der Entwicklung etwas hinterher." Diesen Satz habe sie mehr als einmal gehört, sagt die 35-Jährige. Dabei fielen der Mutter noch andere Abweichungen auf: Lesen brachte sich Samuel schon weit vor Schulbeginn alleine bei, auch das Rechnen fällt ihm leicht. Doch bei der Körperpflege braucht er immer noch Hilfe. Zudem kann er es kaum ertragen, wenn ein Kind in seiner Nähe weint. "Er fängt dann selbst zu schreien an." Auch sonst sei der Siebenjährige extrem geräuschempfindlich. Mit anderen Kindern zu spielen, fällt ihm schwer, "dafür sortiert er seine Autos immer in Reih und Glied."

Diagnose im Alter von fünf Jahren

Erst als Samuel fünf Jahre alt war, ordnete eine darauf spezialisierte Klinik diesen Symptomen die richtige Diagnose zu: Das Kind leidet an einer Autismus-Spektrum-Störung, einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung, die sich auf Wahrnehmung und Verarbeitung von Reizen und auf das soziale Miteinander auswirkt. Die Störung kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein, doch die meisten Betroffenen haben Probleme im Umgang mit anderen und fallen durch stereotype Verhaltensweisen und Interessen auf. Oft ecken sie damit in der Öffentlichkeit an und gelten, weil man ihnen die Behinderung nicht ansieht, als schlecht erzogen.

Diese Erfahrung hat auch Anna K. gemacht - und zwar selbst dann, wenn die Diagnose bekannt ist. Schon kurz nach der Einschulung schickte ihr die Klassenlehrerin ein Protokoll mit Samuels "Verfehlungen" ins Haus. Den Unterricht darf er seitdem nur noch mit Schulbegleiter besuchen. Im Schwimmbad muss K. einen großen Bogen um das Kleinkindbecken machen, denn noch immer kann der Siebenjährige weinende Kleinkinder nicht ertragen.

Jeder Ausflug kann zum Spießrutenlauf werden, denn wenn Samuel wegen der Geräuschkulisse selbst zu schreien anfängt, erntet die Mutter böse Blicke oder Beschimpfungen - und verlässt, wenn sie mit Bus oder Bahn unterwegs ist, an der nächsten Station fluchtartig das Fahrzeug. Sieht sie eine Frau mit Kinderwagen, steigt sie erst gar nicht ein, um eine Eskalation zu vermeiden.

"Niemand versteht das", sagt K., die eigentlich eine fröhliche Frau ist und ihr besonderes Kind mit Liebe und Humor erzieht. Doch manchmal wächst ihr alles über den Kopf, zumal sie sich alleine um Samuel kümmert und gleichzeitig eine Ausbildung zur Krankenpflegehelferin macht, weil sie in ihrem bisherigen Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten kann. "Ich habe gute Noten und möchte eigenes Geld verdienen."

"Man bleibt lieber zu Hause"

Aber manchmal sei der Alltag ein einziger Kampf - zum Beispiel, wenn Kind oder Schulbegleiter krank sind und sie trotz Schichtdienst die Betreuung regeln muss. Hinzu kommt die eigene Einsamkeit, weil Bus- und Bahnfahrten mit Samuel so herausfordernd sind. "Wenn man ein autistisches Kind hat, bleibt man lieber zu Hause. Man hat kein Sozialleben mehr." Ihr größter Wunsch wäre ein eigenes Auto, um bei notwendigen Fahrten und Ausflügen unabhängig zu sein. Doch dafür fehlt ihr, neben den nötigen Mitteln, der Führerschein. Die Weihnachtsaktion möchte helfen.


Verwandte Themen


Keine Kommentare