Abschluss der Generalsanierung

Prächtiges Vorzimmer der Altstadt: Das Nürnberger Künstlerhaus ist wieder in Form

Sebastian Gulden

5.9.2023, 11:00 Uhr
Um 1906 erschien diese kolorierte Ansichtskarte mit Konradin Walthers ursprünglichem Entwurf für das Nürnberger Künstlerhaus. 

© Ansichtskarte: Bernhard Lehrburger (Sammlung Sebastian Gulden) Um 1906 erschien diese kolorierte Ansichtskarte mit Konradin Walthers ursprünglichem Entwurf für das Nürnberger Künstlerhaus. 

Der Künstler hat's schwer. Zwar schätzt ein jeder, der ein Mindestmaß an kultureller Bildung besitzt, seine Zunft, aber kosten darf's möglichst nichts. Kommt dann noch die Idee auf, ein zentrumsnahes Gebäude für Ausstellungszwecke oder gar Ateliers zu verwenden, braucht man auf das leidige Gezeter über den vermeintlich schmarotzenden Kunstschaffenden und sein brotloses Tun nicht lange zu warten.

Im Nürnberg des 19. Jahrhunderts hatte es der Künstler– von ein paar Stars wie August von Kreling, Friedrich Wanderer oder Paul Ritter abgesehen – ebenfalls nicht leicht. Aber dass sich die Anhänger des Schönen und ihre Vereine hier ein eigenes "Zunfthaus" mit Ateliers, Ausstellungsflächen, Bücherei, Restauration und Versammlungsräumen gönnten, verwunderte kaum jemanden in einer Zeit, in der die Kunst nahezu jeden Winkel des Lebens durchdrang.

Die gebaute Realität sah 1909 etwas nüchterner, aber keineswegs unattraktiver aus. Der Innenausbau des Hauses war damals noch in vollem Gange.

Die gebaute Realität sah 1909 etwas nüchterner, aber keineswegs unattraktiver aus. Der Innenausbau des Hauses war damals noch in vollem Gange. © Ansichtskarte: W. H. D. (Sammlung Sebastian Gulden)

Trotz schwerer Kriegsschäden und Umbauten ziert das Künstlerhaus bis heute das Vorzimmer unserer Stadt – und sieht auch bei Schmuddelwetter malerisch aus.

Trotz schwerer Kriegsschäden und Umbauten ziert das Künstlerhaus bis heute das Vorzimmer unserer Stadt – und sieht auch bei Schmuddelwetter malerisch aus. © Sebastian Gulden

Allein, von der zündenden Idee 1867 dauerte es eine halbe Ewigkeit – genauer gesagt bis 1903 –, bis der große Plan Gestalt anzunehmen begann. Da erwies es sich als entscheidend, dass durchaus ein Zusammenhang zwischen kultureller Bildung und Finanzkraft bestand und die Reichen und Mächtigen mehr als gewillt waren, für den guten Zweck ihr nicht unerhebliches Scherflein beizutragen. Unter den Mäzenen fand sich das Who's who des Nürnberger Großunternehmertums, darunter viele jüdische Großbürger wie Ludwig von Gerngros, Joseph Hopf, Ignaz Bing und Heinrich Berolzheimer.

Salzstadel musste weg

Doch wohin mit dem neuen Künstlerhaus? Natürlich wollte man’s zentral und repräsentativ wie in Wien oder München. Da traf es sich, dass die Stadt den Salzstadel an der Ecke Königstraße und Königstorgraben, den die bayerischen Besatzer 1810 an der Stelle eines abgebrochenen Abschnitts der Königstormauer errichtet hatten, loswerden wollte. Denn der anspruchslose Zweckbau mit Schopfwalmdach passte so gar nicht ins repräsentative "Vorzimmer der Stadt" zwischen Bahnhof, Ringstraße und Altstadtzugang.

Obwohl 1945 schwer zerstört, hat sich das Künstlerhaus bedeutende Teile seiner historischen Ausstattung wie die prunkvolle Haupttreppe bewahrt.

Obwohl 1945 schwer zerstört, hat sich das Künstlerhaus bedeutende Teile seiner historischen Ausstattung wie die prunkvolle Haupttreppe bewahrt. © Boris Leuthold

Nachdem Baurat Otto Seegy erste Entwürfe gefertigt und die allgemeine städtebauliche und Grundrisslösung erarbeitet hatte, übertrug man die weitere Ausgestaltung dem renommierten Architekten Konradin Walther. Als Experte für den lokalpatriotischen "Nürnberger Stil", der Elemente der späten Gotik und der frühen Renaissance verbindet, sollte er den formvollendeten Entwurf für die städtebaulich hochsensible Stelle zeichnen.

Zwei bullige Türme wie an einem Stadttor

Durch den lang gezogenen Prunkbau mit Fassaden aus Sandstein gelang es Walther, die schmerzhafte Bresche in der Stadtmauer wieder zu schließen. Die malerisch gegliederten, aber nicht überkandidelten Fassaden mit ihren Rücksprüngen, Risaliten und einem Altan (Austritt) und die Dachlandschaft mit Schweifgiebeln und Zwerchhäusern bildete die gestalterische Klammer zwischen dem alten Nürnberg innerhalb der Stadtmauer und dem neuen Nürnberg an der Ringstraße mit seinen Mietspalästen und Hotels. Ebenso genial: Dem Portalbau, der durch seine geringere Höhe den harmonischen Übergang zur Königstraße bildet, verpasste er zwei bullige Türme, die dem Bau die Anmutung eines Stadttors verliehen.

 In der Restauration im Künstlerhaus und ihrem Wirtsgarten lebt seit 1910 auch eine bedeutende Nürnberger Gastronomietradition weiter: die der "Zwingergärten".

 In der Restauration im Künstlerhaus und ihrem Wirtsgarten lebt seit 1910 auch eine bedeutende Nürnberger Gastronomietradition weiter: die der "Zwingergärten". © Boris Leuthold

Am 3. Juli 1910 öffnete das Künstlerhaus nach gut vier Jahren Bauzeit seine Pforten. Die eigentliche Vollendung des Ensembles aber fand erst 1913 statt, als die Kunsthalle an der Lorenzer Straße, das Ausstellungsgebäude der Nürnberger Künstlerschaft, feierlich ihrer Bestimmung übergeben wurde. 1945 beendeten schwerste Kriegsschäden die Existenz des Musen-Ortes – jedenfalls vorläufig, als die US-Armee und die Universität Erlangen-Nürnberg den provisorisch zusammengeflickten Bau als Offizierskasino, Lagerhalle und Lehrgebäude nutzten.

Das monströse "Köma-Projekt"

1967 schien es dann, als seien die Messen für den lädierten Prachtbau endgültig gesungen: Die Bayerische Versicherungskammer hatte sich zu dem irrwitzigen Plan verstiegen, die gesamte Mauerstrecke zwischen Königstor und Pegnitzeinfluss mit einem monströsen Einkaufs- und Bürozentrum im Stil des Betonbrutalismus zu überbauen. Dieses so genannte "Köma-Projekt" war selbst der zukunftsduseligen Öffentlichkeit jener Zeit zu viel, und nach lautstarken Protesten wanderte die Planung von Gerhard Günther Dittrich in den Papierkorb. Zumindest im übertragenen Sinne, denn die durchaus interessanten Entwürfe haben sich erhalten.

Kulturreferent Hermann Glaser war es, der dem Künstlerhaus 1973 mit der Gründung des selbstverwalteten Kommunikations- und Kulturzentrums ("Komm") neues Leben einhauchte. Eine aus dem Ruder gelaufene Demonstration von Hausbesetzern gipfelte hier 1981 in der "Massenverhaftung von Nürnberg", die das Ansehen der bayerischen Polizei und Justiz nachhaltig beschädigte.

Der Kubus gefällt nicht jedem

Die bauliche Renaissance des Prunkbaus kam erst mit Beginn der Sanierung seit Mitte der 1990er Jahre, in deren Rahmen das Nürnberger Architekturbüro Hofmann & Grabow mit dem gläsernen Kubus über den Grundmauern der im Krieg schwer beschädigten Walther’schen Vorhalle einen modernen und nicht bei jedermann wohlgelittenen städtebaulichen Akzent setzte. Seit 2008 ist das Künstlerhaus vornehmlich als Veranstaltungsort für Musik, Tanz, Theater, Film, Ausstellungen, Literatur und Partys und Festivals Teil des neu begründeten "KunstKulturQuartiers". Am 8. September wird nun die Jahrzehnte währende Instandsetzung des Künstlerhauses mit der Einweihung des seit 2018 renovierten nördlichen Bauteils nach über drei Jahrzehnten ihren krönenden Abschluss erfahren.

Möge ein jeder, der allzu leichtfertig über die Künstler und ihre Kunst herzieht, vom Bahnhofsplatz auf die Altstadt blicken und sich vorstellen, wie unendlich fade, trist und banal eine Welt ohne Kunst und ohne Künstlerhaus aussähe. Obwohl, das will man doch eigentlich gar nicht...

Diese Serie lädt zum Mitmachen ein. Haben Sie auch noch alte Fotos von Ansichten aus Nürnberg und der Region? Dann schicken Sie sie uns bitte zu. Wir machen ein aktuelles Foto und erzählen die Geschichte dazu. Per Post: Nürnberger Nachrichten/Nürnberger Zeitung, Lokalredaktion, Marienstraße 9, 90402 Nürnberg; per E-Mail: redaktion-nuernberg@vnp.de

Noch viel mehr Artikel des Projekts "Nürnberg – Stadtbild im Wandel" mit spannenden Ansichten der Stadt und Hintergründen finden Sie unter www.nuernberg-und-so.de/thema/stadtbild-im-wandel oder www.facebook.com/nuernberg.stadtbildimwandel


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