Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen

Hinter den Kulissen: Das passiert im Katastrophenfall

AB-Redakteurin Tina Ellinger
Tina Ellinger

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30.9.2020, 11:42 Uhr
Martin Rieger, Sachbearbeiter für Feuerwehrwesen und Katastrophenschutz am Landratsamt, im Kommunikationsraum der Behörde. Hier und im angrenzenden Stabsraum laufen im Katastrophenfall alle Fäden zusammen.

© Foto: Tina Ellinger Martin Rieger, Sachbearbeiter für Feuerwehrwesen und Katastrophenschutz am Landratsamt, im Kommunikationsraum der Behörde. Hier und im angrenzenden Stabsraum laufen im Katastrophenfall alle Fäden zusammen.

Und auch, als die Sirenen am groß angekündigten bundesweiten Warntag in weiten Teilen des Landes still blieben, war er in aller Munde. Doch wer und was stecken da eigentlich genau dahinter? Ein Blick hinter die Kulissen.

"Der Katastrophenschutz gehört zu den Aufgaben der allgemeinen inneren Verwaltung. Er ist aber keine Organisation neben den anderen Hilfsorganisationen, etwa Feuerwehr oder THW", schickt Martin Rieger, Sachbearbeiter für Feuerwehrwesen und Katastrophenschutz, voraus. Zum Einsatz kommt er immer dann, wenn eine sogenannte Großschadenslage eingetreten ist, etwa eine Flutkatastrophe, eine große Gasexplosion oder eben eine Pandemie.


Corona-Krise: Was bedeutet der Katastrophenfall für Bayern?


Als Ministerpräsident Markus Söder am 16. März für ganz Bayern den Katastrophenfall ausrief, war das Team von Abteilungsleiter Simon Uebler, zu dem auch Martin Rieger gehört, daher sofort in Habachtstellung. Gilt der Katastrophenfall, tritt am Landratsamt ein Krisenstab zusammen, die sogenannte Führungsgruppe Katastrophenschutz (FüGK). Unter Federführung des Landrats und des FüGK-Leiters (im hiesigen Landkreis wäre das Simon Uebler) übernimmt dieser Krisenstab, der aus Mitarbeitern der verschiedenen Sachgebiete gebildet wird, sämtliche Aufgaben, die über den operativ-taktischen Bereich hinausgehen. "Wir bedienen uns den bestehenden Strukturen", so Rieger.

Erfahrungen aus 2015 durch Flüchtlingskrise

Eingebunden sind zum Beispiel Beschäftigte aus der IT, der Personalabteilung, der Pressestelle, der Geoinformationsstelle und dem Sachgebiet Soziales. Letztere übernehmen zum Beispiel die Versorgung. "Da haben wir vor fünf Jahren während der Flüchtlingskrise viele Erfahrungen gesammelt", weiß der Fachmann. Diese seien nun bei der Pandemie sehr hilfreich, zum Beispiel bei der Beschaffung ausreichender Schutzkleidung.

Mit einer solchen mobilen Sirenen- und Lautsprecheranlage erfolgt im Ernstfall die Warnung der Bevölkerung im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen. Zivilschutzsirenen dagegen gibt es keine mehr.

Mit einer solchen mobilen Sirenen- und Lautsprecheranlage erfolgt im Ernstfall die Warnung der Bevölkerung im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen. Zivilschutzsirenen dagegen gibt es keine mehr. © Foto: Landratsamt Weißenburg-Gunzenhausen

Zu den Aufgaben der FüGK, die bei Bedarf auch von externen Fachleuten unterstützt wird, gehören unter anderem die Information und Warnung benachbarter Kreisbehörden, die Information der Bevölkerung über die Medien sowie rechtliche, finanzielle und politische Entscheidungen. "Wir halten den Einsatzkräften den Rücken frei", bringt es Rieger auf den Punkt.

Für die Einsatzkräfte selbst wird eine örtliche Einsatzleitung (ÖEL) bestimmt, die mit weitreichenden Vollmachten ausgestattet und unter Umständen sogar der Polizei gegenüber weisungsbefugt ist. Sieben Kandidaten, alles erfahrene Kräfte einer Hilfsorganisation (beispielsweise den Kreisbrandrat oder Kreisbrandinspektoren), hat das Landratsamt Weißenburg-Gunzenhausen für diese Aufgabe in petto.

Sichere Treibstoffversorgung über mobile Tankstelle

Zur Seite steht ihnen die Informationseinheit- und Kommunikationseinheit (IuK) des Landkreises. Dabei handelt es sich um eine Gruppe aus 30 Einsatzkräften aus den verschiedenen Hilfsorganisationen, die direkt dem Landratsamt untersteht. Die IuK ist unter anderem mit einem "mobilen Büro" ausgestattet, das vor zwei Jahren angeschafft wurde. Als zweite Kreiseinheit steht der ABC-Zug zur Verfügung, der bei Bedarf zum Beispiel über eine mobile Tankstelle die Treibstoffversorgung sicherstellen kann, sich im Umgang mit Gefahrstoffen auskennt und bei Großbränden Atemschutzgeräte parat hat.

Damit die Zusammenarbeit dieser vielen Stellen im Notfall so reibungslos wie möglich klappt, werden regelmäßig Schulungen abgehalten. "Das Personal und die Strukturen müssen auf dem Laufenden bleiben", betont Rieger und verweist auf eine Großübung am Landratsamt, die nur rund zweieinhalb Wochen vor dem Corona-Katastrophenfall gemeinsam mit der Feuerwehrschule in Geretsried abgehalten wurde. "Dass das dann so schnell Realität wird, hat niemand gedacht."

Und eine Pandemie hatte sowieso niemand auf dem Schirm: "So etwas hat sich keiner vorgestellt", blickt Simon Uebler zurück – zumal in dieser Situation nicht auf Bewährtes zurückgegriffen werden konnte. "Wir durften uns ja gar nicht so treffen und alle gemeinsam in einem Raum sitzen", erinnert sich Claudia Wagner, die am Landratsamt für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, und Riegers Kollege Daniel Schwegler kann als Teil der FüGK von zahllosen Telefonkonferenzen berichten, die zur Weitergabe der Informationen dienten. Rund eineinhalb Monate wurden am Landratsamt sogar Nachtschichten gefahren, um all den anfallenden Aufgaben Herr zu werden.


BRK-Chef schlägt Alarm: "Katastrophenschutz wurde kaputtgespart"


Zudem brachte Corona noch etwas Ungewöhnliches für den Katastrophenschutz mit: Die Notfallstrukturen mussten nicht über ein paar Wochen, sondern über Monate aufrecht erhalten werden, macht Schwegler klar. Erst am 16. Juni wurde der Katastrophenfall im Freistaat wieder aufgehoben.

Wie wichtig es ist, immer am Ball zu bleiben, zeigt sich an der jüngst durchgeführten Übung des ABC-Zugs zur Thematik Tierseuchendekontamination. Das könnte bei der Bekämpfung der afrikanischen Schweinepest, über die es aus Brandenburg erste Meldungen gibt, durchaus hilfreich sein, so Claudia Wagner, die aber hofft, dass dieser Kelch am Landkreis vorbei gehen möge. Zudem bricht sie eine Lanze für die vielen Freiwilligen in den Hilfsorganisationen, die sich in ihrer Freizeit für andere einsetzen. "Diese ehrenamtlichen Strukturen sind sehr wertvoll."

Und was ist nun eigentlich mit den Sirenen, auf deren Warnton viele vergebens gewartet haben? "Da hat der Bund etwas beworben, was es schon seit 30 Jahren nicht mehr gibt", erläutert Rieger. Bis Anfang der 1990er-Jahre gab es sogenannte Warnämter in ganz Deutschland, über die das Zivilwarnsystem gesteuert wurde. Nach Ende des Kalten Krieges wurden diese Ämter schrittweise aufgegeben, Sirenen sind nur noch in größeren Städten und Landkreisen mit Störfallbetrieben vorhanden.

Am Bundeswarntag hat Bund "falsch kommuniziert"

"Auf dem flachen Land wie in den Landkreisen Roth, Schwabach oder Weißenburg-Gunzenhausen gibt es keine Zivilschutzsirenen mehr." Die Information der Bevölkerung läuft über Rundfunkmeldungen, Lautsprecherdurchsagen und Warnapps wie NINA. Es hätte also am bundesweiten Warntag in der Region gar keine Sirene angehen können. Folgerichtig stand der hiesige Landkreis auch gar nicht auf der Teilnehmerliste. "Das wurde aber vom Bund falsch kommuniziert, die Leute dachten, dass jetzt überall die Sirenen losgehen würden", so Rieger.

Die IuK-Einheit des Landkreises, die zum Jahreswechsel ihr neues Domizil auf dem ehemaligen TÜV-Gelände in Aha beziehen wird, verfügt über eine mobile Sirenenanlage samt Lautsprecher. Damit kann eine 360-Grad-Beschallung erfolgen – im Katastrophenfall, der hoffentlich nicht eintrifft.

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