„Spaziergänger“ und „Schweiger“

Gegen rechte Instrumentalisierung: „Roth ist bunt“ dreht das Kräfteverhältnis

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Claudia Weinig

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10.1.2022, 20:10 Uhr
Die Rother Initiative gegen Extremismus "Roth ist bunt" konnte bei der Zweitauflage ihres "stillen Protests" am Montagabend rund 400 Bürgerinnen und Bürger mobilisieren. Das waren deutlich mehr als doppelt so viele wie bei der ersten Aktion vor einer Woche.

© Tobias Tschapka, NN Die Rother Initiative gegen Extremismus "Roth ist bunt" konnte bei der Zweitauflage ihres "stillen Protests" am Montagabend rund 400 Bürgerinnen und Bürger mobilisieren. Das waren deutlich mehr als doppelt so viele wie bei der ersten Aktion vor einer Woche.

Knapp 200 Gegner der aktuellen Corona-Politik, die sich zu einem „Spaziergang“ ebenfalls im Stadtkern getroffen hatten, standen ihnen gegenüber. Damit hatten sich die Mehrheitsverhältnisse innerhalb einer Woche genau umgekehrt.

Für Protest geworben

Einer der Gründe: Während „Roth ist bunt“ im Gegensatz zum ersten Aufruf dieses Mal deutlich offensiver für die Veranstaltung im Vorfeld geworben hatte, schienen die „Spaziergänger“ dieses Mal weniger gut organisiert und nicht in größerer Zahl von außerhalb in die Kreisstadt gekommen zu sein. Oder sie hatten sich in ganz Mittelfranken aufgeteilt, nachdem die Impfgegner an diesem Abend im gesamten Regierungsbezirk zu „Spaziergängen“ aufgerufen hatte. „Wir sind entsprechend alarmiert gewesen“, erklärte dazu der Pressesprecher des Polizeipräsidiums Mittelfranken, Michael Petzold.

Tatsächlich zeigte die Polizei auch in Roth deutliche mehr Präsenz als noch vor einer Woche. Einschreiten musste sie jedoch nicht. Die Stimmung blieb von Anfang bis Ende in beiden Gruppen eher ruhig und gelassen.

„Komplett störungsfrei“ seien die von „Roth ist bunt“ offiziell angemeldete Versammlung und der erneut nicht angemeldete „Spaziergang“ verschiedener Gruppen von Impf- und Corona-Politik-Gegnern verlaufen, so Petzold in einer ersten Zwischenbilanz.

Kurzes Statement

Um was es „Roth ist bunt“ geht, machte Buckreus in einem kurzen Statement zu Beginn auf dem Marktplatz inmitten der Menge deutlich.

„Wir wollen heute ein klares Zeichen setzen. Wir richten uns gegen Rechtsextremismus und diejenigen, die den Protest gegen die Corona-Politik für ihre Zwecke instrumentalisieren“. „Roth ist bunt“ sei sich bewusst, dass ein Großteil der „Spaziergänger“ keine Rechtsextremisten seien. „Was die Corona-Politik angeht, darf und soll jeder seine eigene Meinung haben“, machte der amtierende Bürgermeister deutlich und appellierte an die Protestierenden, sich nicht provozieren oder in Diskussionen verwickeln zu lassen.“

Nicht auf Konfrontation angelegt

Auch die „Spaziergänger“ legten es nicht auf Konfrontation an. Nur sehr vereinzelt kam es zu kurzen Dialogen zwischen den Corona-Politik-Kritikern und den Akteuren von „Roth ist bunt“.

Nicht verbal, aber mit Plakaten machten die Protestler gegenüber den "Spaziergängern" deutlich, um was es ihnen geht.

Nicht verbal, aber mit Plakaten machten die Protestler gegenüber den "Spaziergängern" deutlich, um was es ihnen geht. © Weinig, NN

Zweitere beschränkten ihren Protest in erster Linie auf Plakate: „Nachdenken statt Querdenken“ und „Impfen statt Schimpfen“ stand dort zu lesen; oder auch „klare Kante gegen rechts außen“ und „spaziert nicht mit den Faschos“.

Wie von der Rother Initiative beabsichtigt, setzte sich die Menge nach einer ruhigen halben Stunde auf dem Marktplatz in Richtung Bayka-Parkplatz gemeinsam in Bewegung.

„Bin überwältigt“

Dort beendete Buckreus offiziell die Aktion von „Roth ist bunt“, nicht ohne noch ein: „Ich bin überwältigt von der Resonanz“ mit Blick auf den voll besetzten Parkplatz los zu werden.

Während sich die Menge dann postwendend auflöste, marschierten die „Spaziergänger“, die sich schließlich von mehreren kleineren Gruppen in einen großen, etwa 200-köpfigen Zug formierte, noch etwa eine weitere halbe Stunde durch die Stadt.

Trotz einiger weniger Trillerpfeifen sorgten sie auch da für wenig Aufsehen; oder auch für eine aggressive Stimmung – im deutlichen Gegensatz zum Auftritt eine Woche zuvor, als rund 400 „Spaziergänger“ etwa 130 stehende „Roth ist bunt“-Protestler auf dem Marktplatz mehrmals umrundeten – schrill pfeifend und lautstark unter anderem forderten: „Wir wollen Freiheit“.

Ruhig und besonnen blieb die Stimmung. Sowohl unter den Anhängern von "Roth ist bunt", die sich auf dem Marktplatz versammelt hatten, als auch bei den "Spaziergängern", die durch das Stadtzentrum zogen.

Ruhig und besonnen blieb die Stimmung. Sowohl unter den Anhängern von "Roth ist bunt", die sich auf dem Marktplatz versammelt hatten, als auch bei den "Spaziergängern", die durch das Stadtzentrum zogen. © Weinig, NN

In Schwabach, wo sich am Freitag zuvor noch – wie schon seit über einem Jahr – nicht einmal 50 Corona-Protestler auf dem Martin-Luther-Platz versammelt und für mehr Kopfschütteln als öffentliches Interesse gesorgt hatten, waren am Montag dann doch immerhin etwa 100 Demonstranten unterwegs. Laut dem Polizeipräsidium Mittelfranken kam es dabei neben der Aufnahme von Personalien auch zur Beleidigung von Einsatzkräften. Ein „Spaziergänger“ versuchte zudem, einen Polizeibeamten zu treten. Ihn erwartet ein Ermittlungsverfahren.