Hunderttausende Haushalte betroffen

Lieferstopp auch in Franken: Anbieter lassen Strom- und Gaskunden im Stich

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Erik Stecher

Redaktion Politik und Wirtschaft

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12.1.2022, 05:55 Uhr
Leitung gekappt: Viele Anbieter von Strom und Gas haben ihre Lieferungen gestoppt.

Leitung gekappt: Viele Anbieter von Strom und Gas haben ihre Lieferungen gestoppt. © imago images/Shotshop, NNZ

Viele Haushalte haben in den vergangenen Wochen beunruhigende Nachrichten erhalten: „Wir sehen uns leider gezwungen, Ihre Versorgung kurzfristig einzustellen“, verkündeten rund 40 Strom- und Gasanbieter wie Stromio und Gas.de ihren Kunden. „Man geht davon aus, dass allein bei Stromio hunderttausende Kunden betroffen sind“, sagt Marion Gaksch von der Verbraucherzentrale Bayern.

Die Kündigungen kommen zumeist von Energie-Discountern mit besonders günstigen Tarifen. Sie produzieren selbst keine Energie, sondern handeln nur damit – und wollen sich offenbar vor den rasant steigenden Marktpreisen schützen. Begründet wird der überraschende Lieferstopp mit den „Entwicklungen auf dem Rohstoffmarkt“.

Kerzenschein und warme Decken?

Was bedeutet das für die Kunden? Müssen sie jetzt mit Kerzenschein und warmen Decken dem Winter trotzen? Zum Glück nicht, denn dafür gibt es die Grundversorger – meist sind das die Stadtwerke, die alle Bürger in ihrem Netzgebiet auffangen. Der Wechsel erfolgt ganz automatisch, ohne dass der Verbraucher selbst aktiv werden muss.

Informiert wird er darüber dann von den Grundversorgern wie den Erlanger Stadtwerken, der Infra Fürth oder der N-Ergie. Allein im Netzgebiet des in Nürnberg ansässigen Versorgers sind rund 10.600 Kunden vom Lieferstopp des Anbieters Stromio betroffen.

„Wir nehmen unseren Auftrag im Sinne der Daseinsvorsorge selbstverständlich wahr und stellen eine lückenlose Versorgung sicher“, betont Josef Hasler, Vorstandsvorsitzender der N-Ergie. Diese hat auch, ebenso wie die Infra Fürth und die Erlanger Stadtwerke, keinen höheren Tarif für Neukunden eingeführt – während rund 300 andere Stromgrundversorger die Preise für neue oder zurückkehrende Kunden teils deutlich angehoben haben.
Ob sie das überhaupt dürfen, ist umstritten. „Dazu gibt es keine klare Gesetzesgrundlage“, sagt die Energieexpertin der Verbraucherzentrale. „Wir halten es nicht für zulässig.“

Kündigung ist meist Vertragsbruch

Eindeutiger ist die Lage bei den kurzfristigen Kündigungen der Billig-Anbieter von Strom und Gas: In den meisten Fällen dürfte es sich um einen klaren Vertragsbruch handeln. „Die Anbieter dürfen solche Kündigungen eigentlich nur im Falle einer Insolvenz aussprechen. Oder wenn ihnen selbst die Lieferungen seitens des Netzbetreibers gekündigt wurden. Weitere Möglichkeiten sind kaum denkbar“, sagt Marion Gaksch. „Selbst wenn ein Verbraucher im Verzug mit den Zahlungen ist, ist der Anbieter nicht sofort zu einer Sperre berechtigt.“

Die reguläre Kündigungsfrist zum Ende der Vertragslaufzeit wurde von den Anbietern in den aktuellen Fällen meist nicht eingehalten, damit ist die Kündigung unwirksam. Durch den Stopp der Strom- oder Gaslieferungen liegt eine Vertragspflichtverletzung vor. Und die Kunden erleiden einen Schaden, da die Tarife der Grundversorger in der Regel teurer sind. Daher hat der Verbraucher gegenüber dem kündigenden Billig-Anbieter grundsätzlich einen Anspruch auf Ausgleich des Schadens.

Im Netz kursieren heikle Tipps

Die Verbraucherzentrale rät, dies über die Schlichtungsstelle zu versuchen. „Auch mit Rechtsvertretungen stehen die Chancen ganz gut. Aber die Frage ist, ob es sich rechnet“, sagt Gaksch. Im Netz kursiert der Tipp, sich zumindest die letzte Lastschrift aufs Konto zurückzuholen – doch davon rät die Expertin ab. Denn durch diesen Schritt befindet sich der Kunde rechtlich gesehen im Verzug, was Ärger nach sich ziehen kann.

Wichtiger ist es, den Dauerauftrag oder die Einzugsermächtigung beim alten Anbieter zu widerrufen. Und sich um einen guten neuen Vertrag zu kümmern. Wer die neue Sicherheit durch den Grundversorger zu schätzen weiß, kann bei ihm bleiben – und dort meist noch einen günstigeren Tarif finden. Wer zu einem billigeren Anbieter wechseln will, sollte sich vorher über ihn informieren. Unter verbraucherzentrale.de gibt es Tipps zum Wechsel.

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