Im Zweiten Weltkrieg vernichtet

Das Kaiserstübchen der Familie Scheurl: Hier befand sich Nürnbergs wohl schönste gute Stube

Sebastian Gulden

23.5.2023, 15:00 Uhr
In der Burgstraße 10 befand sich einst ein Wohnzimmer aus Meisterhand.

© Collage Fritz Traugott Schulz/Stadtarchiv Nürnberg/Sebastian Gulden In der Burgstraße 10 befand sich einst ein Wohnzimmer aus Meisterhand.

Kostbares und Geschätztes vergeht, sein Verlust wird betrauert – und dann doch vergessen. So erging es auch einem der bemerkenswertesten Interieurs der späten Gotik aus einem ganz besonderen Nürnberger Anwesen. Unser Leser Helmut Walther rief es uns wieder ins Gedächtnis.

Ein jeder kennt die Redewendung von der "guten Stube". Doch kaum jemand weiß mehr, woher sie kommt. Bis ins 19. Jahrhundert hinein, im ländlichen Raum bis nach dem letzten Weltkrieg, war sie das Wohn- und Esszimmer für das Gros der Menschen in Mitteleuropa, und zwar über Standesgrenzen hinweg. Im Mittelalter und der Frühen Neuzeit war sie meist der einzige Raum im Haus mit fester Heizmöglichkeit und zwecks Wärmedämmung und Behaglichkeit mit Holz vertäfelt. Freilich gab es je nach Hausherrschaft, gesellschaftlichem Status und Einkommen qualitative Unterschiede in der Gestaltung.

Ein Stadthaus für die oberen Zehntausend

Nürnbergs wohl schönste "gute Stube" – zumindest die schönste, von der die Forschung ein genaueres Bild hat – gönnte sich die im Großen Rat der Reichsstadt vertretene Familie Scheurl für ihren Stadthof in der Burgstraße 10. 1485 hatte der Kaufmann und Bergbauunternehmer Christoph I. Scheurl das damals größte Anwesen an Nürnbergs Prachtmeile von der verwitweten Margaretha Tetzel erworben.

Ein Meisterwerk spätgotischer Schreiner- und Schnitzkunst war das "Kaiserstübchen". Nur zehn Jahre, nachdem dieses Foto entstand, verbrannte es für immer.  

Ein Meisterwerk spätgotischer Schreiner- und Schnitzkunst war das "Kaiserstübchen". Nur zehn Jahre, nachdem dieses Foto entstand, verbrannte es für immer.   © unbekannt (Stadtarchiv Nürnberg)

Dieses Foto der Westfassade des Scheurlhofs gegen die Burgstraße aus der Zeit um 1910 zeigt deutlich, dass das Vorderhaus ehemals aus zwei getrennten Anwesen bestand.  

Dieses Foto der Westfassade des Scheurlhofs gegen die Burgstraße aus der Zeit um 1910 zeigt deutlich, dass das Vorderhaus ehemals aus zwei getrennten Anwesen bestand.   © Fritz Traugott Schulz/Stadtarchiv Nürnberg, A 48-Sc-15-25

Der Nachkriegsbau erinnert nur sehr allgemein an den Stadthof von einst. Dass die beiden Hausteile farblich unterschiedlich gefasst sind, verschleiert den ursprünglichen Kontext.  

Der Nachkriegsbau erinnert nur sehr allgemein an den Stadthof von einst. Dass die beiden Hausteile farblich unterschiedlich gefasst sind, verschleiert den ursprünglichen Kontext.   © Sebastian Gulden

Der Bezug des neuen Heims war ein Erlebnis für die ganze Familie, wie sich Scheurls Sohn, der Jurist und Humanist Christoph II. später erinnerte: "Dorthin zog er [mein Vater] am Walpurgistag 1486 und führte dabei meine liebe Mutter [Helena], meinen Bruder [Albrecht] und mich an der Hand den Berg hinauf, was meine früheste Kindheitserinnerung ist."

Der König übernachtete im Haus

Das Haus war in seiner damaligen Form um die Mitte des 15. Jahrhunderts durch Zusammenlegung von drei Anwesen – zweien an der Burgstraße und einem am Brunnengäßchen – entstanden. Deren Wurzeln reichten wohl noch viel weiter zurück in Nürnbergs Stadtgeschichte. Das verhältnismäßig schlichte Äußere mit traufständigen Satteldächern, aber einem traumhaften Innenhof mit umlaufenden Galerien und verspielten Details der Architektur und Ausstattung war charakteristisch für die großen Stadthäuser der oberen Zehntausend der Reichsstadt.

Der Blick vom Flügel am Brunnengäßchen, aufgenommen um 1910, zeigt den malerischen Innenhof des Scheurl’schen Anwesens mit seinen umlaufenden Galerien.  

Der Blick vom Flügel am Brunnengäßchen, aufgenommen um 1910, zeigt den malerischen Innenhof des Scheurl’schen Anwesens mit seinen umlaufenden Galerien.   © Fritz Traugott Schulz/Stadtarchiv Nürnberg, A 48-Sc-15-43

Zu Scheurls ersten Baumaßnahmen gehörte, ganz standesgemäß, eine neue Stube – übrigens nicht die einzige im Haus – mit Vertäfelung und üppigem Schnitzwerk in Formen der späten Gotik. Entwurf und Ausführung besorgte niemand Geringerer als Nürnbergs wohl namhaftester Kunstschreiner seiner Zeit: Hans Straubinger, der damals gleich nebenan in der Stöpselgasse lebte und arbeitete.

Jetzt könnte man denken, dass jene Stube eigens für die Besuche des deutschen Königs und nachmaligen Kaisers Maximilian I. gefertigt wurde. Der nämlich nächtigte 1489 und 1491 bei den Scheurls, zog er doch die modernen und gemütlichen Stadthöfe der ehrbaren und ratsfähigen Geschlechter der zugigen Burg vor. Allerdings ist die Bezeichnung "Kaiserstübchen" eine Wortschöpfung des 19. Jahrhunderts. Die Forschung nimmt an, dass Scheurl und seine Familie die gute Stube vor allem selbst nutzten.

Auch am Brunnengäßchen schließt ein Neubau die schmerzhafte Lücke, die der 1945 vernichtete Scheurlhof hinterlassen hat.  

Auch am Brunnengäßchen schließt ein Neubau die schmerzhafte Lücke, die der 1945 vernichtete Scheurlhof hinterlassen hat.   © Sebastian Gulden

Der deutsche König sollte nicht der einzige prominente Gast sein, den die Scheurls bei sich beherbergten. Neben zahlreichen Angehörigen des Hochadels statteten der bayerische König Ludwig I. mit Ehefrau Therese und Tochter Mathilde ihnen 1833 einen Besuch ab.

Von Nietzsche im Gedicht verewigt

Und noch ein allseits sehr bekannter Geistesmensch besuchte das altehrwürdige Anwesen in der Burgstraße: Friedrich Nietzsche, der 1861 zum Deutschen Sängerfest in der Noris weilte. Des Hauses kostbarster Stube widmete er gar ein Gedicht, das der Nietzsche-Experte Helmut Walther in den Aufzeichnungen des Philosophen entdeckt hat: "Es giengen hier in der Scheurlbergerhaus / Als Gast der Kaiser selber ein und aus / Wollt er der Hofburg stolzes Prangen meiden / Drum bleibt Nürnberg, was den Fürsten ehrt / Doch auch, was hält auf eignen Bürgerwerth / Sein Kaiserstüblein lieb für alle Zeit[en]."

Leider sollte sich Nietzsches Wunsch nicht erfüllen. Es gehört zu den großen Dramen der Nürnberger Kunstgeschichte, dass man es versäumte, ausgerechnet das Kaiserstübchen vor den Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs an einem sicheren Ort auszulagern. So verbrannte es am Abend des 2. Januar 1945 mitsamt dem bis dahin weitgehend im historischen Gewand erhaltenen Scheurlhof.

Angesichts dieses herben Verlustes ist es ein schwacher Trost, dass die Neubauten, die das Anwesen in den Nachkriegsjahren ersetzt haben, zu den gelungeneren Schöpfungen des Nürnberger Wiederaufbaus zählen.

Wer einmal erleben möchte, wie es sich wohl angefühlt haben mag, in solch einem prunkvollen "Wohnzimmer" der Altvorderen zu weilen, der kann dies in den vor Krieg und Geschmackswandel geretteten Nürnberger Renaissance-Stuben im Germanischen Nationalmuseum und dem Stadtmuseum im Fembohaus tun. Und: Aus Hans Straubingers Hand ist immerhin noch eine kunstvolle Stube erhalten, nämlich das Studierkämmerchen des berühmten Verlegers Anton Koberger, das seit 1867 auf der Wartburg bei Eisenach zu bewundern ist. Wie es dahin kam? Das ist eine ganz andere Geschichte…

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