Mit.Menschen Podcast

Eindringliche Schilderungen: Nürnbergerin startete Hilfskonvoi an polnisch-ukrainische Grenze

Lea-Verena Meingast
Lea-Verena Meingast

Redakteurin Nordbayerische Nachrichten Forchheim

E-Mail zur Autorenseite

17.3.2022, 05:58 Uhr
Eine Szene aus Przemyśl an der polnisch-ukrainischen Grenze. Die Nürnbergerin Victoria Ochota hat einen Hilfskonvoi organisiert und ist nach Przemyśl gefahren, um wichtige Hilfsgüter zu Ukraine-Flüchtlingen zu bringen.

© Hector Adolfo Quintanar Perez/dpa, NN Eine Szene aus Przemyśl an der polnisch-ukrainischen Grenze. Die Nürnbergerin Victoria Ochota hat einen Hilfskonvoi organisiert und ist nach Przemyśl gefahren, um wichtige Hilfsgüter zu Ukraine-Flüchtlingen zu bringen.

Innerhalb von nur 72 Stunden: Victoria Ochota aus Nürnberg hat Hilfsgüter wie Medizin, Hygieneartikel, Lebensmittel und mehr für die Ukraine gesammelt und einen Hilfstrupp auf die Beine gestellt. Familie und Freunde packten tatkräftig mit an. Es wurden Kartons gepackt, Autos organisiert und beladen.

1080 Kilometer galt es, als Kolonne im Hilfskonvoi zurückzulegen. Abends um 21 Uhr ging es, ausgestattet mit Walkie Talkies, für die acht Fahrer und sie los: eine lange Fahrt, wenig Schlaf, wenig Essen. Bevor alle dann an der polnisch-ukrainischen Grenze mit dem vollen Ausmaß des Leids konfrontiert waren. Doch dazu später mehr.

Victoria Ochota aus Nürnberg

Victoria Ochota aus Nürnberg © Foto: Victoria Ochota

Als der Ukrainekrieg ausbrach, war Victoria Ochota aus Nürnberg geschockt. "Mensch, das kann doch nicht sein. Ich kann doch nicht hier sitzen und mein Leben weiterleben ohne den Menschen zu helfen." Für die 37-jährige Hotelfachfrau und Mutter zweier Kinder stand sofort fest, dass sie helfen wollte.

Geboren in Rumänien, in Bukarest, floh sie im Kindesalter mit ihrer Mutter und Schwester nach Deutschland. Als Flüchtlingskind kam sie im Ankerzentrum im Zirndorf an und lebte jahrelang in Flüchtlingsunterkünften.

"Viele glauben das erst nicht, wenn sie mir heute begegnen. Ich fränkle auch ein wenig und bin voll integriert. Aber ich war ein Flüchtling und fühle deshalb besonders mit den Frauen und Kindern mit, die jetzt aus der Ukraine hierherkommen."

Die 37-Jährige ist jemand, der anpackt. "Ich wäre auch bis nach Kiew gefahren, wenn es möglich gewesen wäre." Ihre Familie machte sich Sorgen. Weil ihre Angehörigen wissen, wie entschlossen Victoria Ochota ist. Hauptsache, die Hilfsgüter kommen bei den Menschen an, die sie benötigen, findet sie. Und: ihr Ziel war, Flüchtlinge gleich auf der Rückfahrt mit nach Deutschland zu nehmen.

Dabei war das Planen der Hilfsaktion auch für die organisierte Hotelfachfrau bereits von vielen Hochs und Tiefs geprägt. Sie war kurz vor Aufbruch erst von einer Dienstreise heimgekommen. "Am Abend davor haben mir noch Fahrer gefehlt", erzählt sie. Teils hat Corona einen Strich durch die Planung gemacht. Spontan schlossen sich dann nach einem Aufruf noch hilfsbereite Menschen an.

Kurz vor der Abfahrt gab es eine Lagebesprechung und noch Tee für alle. "Es gab noch einen Kuss für meinen Mann, ich hab mich verabschiedet, den Kleinen ins Bett gebracht und dann ging es los." Je näher die Grenze rückte, desto mehr stieg das Adrenalin. Nur 80 Kilometer weiter: Kampfhandlungen.

Vor Ort boten sich schreckliche Bilder: "Oh, das ist... ja. (Pause) Man kann das fast nicht in Worte fassen." Etwa 100 Helfer kämen auf unzählige Ukraine-Flüchtlinge. "Das sind Schlangen, tausende Menschen, so viele Frauen und Kinder, die dort nachts in der Kälte standen. Das war für mich unvorstellbar schlimm. Vor Ort zu sein und mitzufühlen, wie die Erwachsenen und Kinder dort nach Schutz suchen, das ist ein ganz anderes Level."

"Ich bin unglaublich dankbar und stolz darauf, was wir alle geleistet haben", sagt sie heute. Im Podcast Mit.Menschen berichtet sie, auf was man alles achten muss, wenn man einen Hilfskonvoi organisiert und warum ihre Hilfe noch längst nicht abgeschlossen ist.

Sie erzählt, wie die Lage an der polnisch-ukrainischen Grenze ist, welche Begegnungen sie nicht vergessen kann, welche Gänsehautmomente sich in ihr Gedächtnis gebrannt haben und warum sie manches erst viel später verarbeiten kann.

Sie will aber auch Mut machen und berichtet, wie froh sie ist, innerhalb kürzester Zeit so viele Menschen mobilisiert zu haben, wo ihr selbst auf der Reise - völlig unerwartet - Unterstützung widerfahren ist, und warum sie hofft, dass so viele Menschen wie möglich sich jetzt ein Herz fassen und den Ukraine-Flüchtlingen helfen.

Keine Kommentare