Wind- und Solaranlagen werden sichtbarer

Energiewende in Nordbayern: Was auf uns zukommt und wie sie gelingen könnte

Max Söllner

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27.11.2021, 12:55 Uhr
Solaranlagen sind insbesondere in Süddeutschland für die Energiewende wichtig. Doch laut dem Positionspapier der Metropolregion erlaubt das Stromnetz kaum noch einen großflächigen Zubau.

© Nestor Bachmann, dpa Solaranlagen sind insbesondere in Süddeutschland für die Energiewende wichtig. Doch laut dem Positionspapier der Metropolregion erlaubt das Stromnetz kaum noch einen großflächigen Zubau.

"Der Zubau wird alles in den Schatten stellen, was wir aus den letzten zehn oder 20 Jahren kennen", sagt Rainer Kleedörfer und meint damit den Ausbau der Erneuerbaren Energien hier in Nordbayern. Als fachlicher Sprecher des Forums "Klimaschutz und nachhaltige Entwicklung" der Metropolregion Nürnberg hat er deren Landräten und Bürgermeistern ein neues Positionspapier vorgestellt.

Dabei ging es um die Frage, wie die Akzeptanz der Bevölkerung für die Energiewende gesteigert werden kann - und um einen entscheidenden Engpass.

Klimaschutz: Es eilt

"Es verdichtet sich immer mehr", ist Kleedörfer überzeugt: Bis 2045 müssen wir als Gesellschaft klimaneutral sein, allein schon wegen der in Teilen erfolgreichen Klimaklage gegen die Bundesregierung, die er als "substantielle Veränderung" bezeichnet. Zudem werde ein Kohleausstieg bis 2030 immer wahrscheinlicher.

"Faktisch bedeutet diese Zielsetzung einen weitgehenden Umbau der Volkswirtschaft", heißt es dazu im Positionspapier. Kleedörfer, der als Prokurist für den Energieversorger N-Ergie arbeitet, unterlegt das mit Zahlen: Er zeigt ein Diagramm, wonach Erneuerbare Energien im Jahr 2020 gerade einmal 16,6 Prozent des deutschen Energiebedarfs decken konnten. "Der ganz große Teil liegt noch vor uns", so seine Einschätzung.

"Wir sind einfach viel zu langsam", sagt der Erlanger Oberbürgermeister Florian Janik (SPD). Er hält die Ausbauprojekte mit den aktuellen Planungsprozessen für nicht rechtzeitig umsetzbar: "Wir kriegen das Tempo nicht mal im Entferntesten hin." Es brauche eine Beschleunigung der Verfahren, "ansonsten lügen wir uns etwas vor mit diesem inhaltlich total wichtigen Papier".

Stadt, Land, Akzeptanz?

"Die Städte werden ihren Energiebedarf nicht auf ihren Stadtgebieten produzieren können", spricht Janik weiter. Der Bamberger Landrat Johann Kalb (CSU) aber sagt: "Das Land wird sich nicht als großer Produzent darstellen, wenn man es nicht vernünftig vermittelt." Klaus Peter Söllner (FW) will als Landrat von Kulmbach deshalb einen verstärkten Diskurs zwischen Stadt und Land.

Kleedörfer hält es für fatal, dass bei Neubauten bislang nicht konsequent auf Solaranlagen gesetzt werde, denn hier könnten auch Städte einen Beitrag leisten. Theoretisch seien in Nordbayern 200 bis 300 weitere Windräder möglich - die Begeisterung der Menschen in den Dörfern aber tendiere "gegen Null".

Um die Bevölkerung in der Energiewende mitzunehmen, müsse man ihr laut Kleedörfer "ehrlich sagen, was auf sie zukommt". Im Positionspapier heißt es, dass gerade auf dem Land die Sichtbarkeit von Windrädern und Solaranlagen auf Freiflächen "sehr deutlich zunehmen" werde. Ihr Ausbau sollte daher zeitlich gestaffelt und räumlich verteilt erfolgen. Wichtig sei es, dass die Menschen vor Ort mitreden können und finanziell teilhaben können. Dazu sollen Bürger oder Kommunen zu mindestens einem Viertel an Anlagen beteiligt werden.

Verteilnetz als Engpass

Die beste Akzeptanz nützt freilich nichts, wenn ausgerechnet eine "Schlüsselinfrastruktur" einen Engpass darstellt. Kleedörfer meint damit das Stromverteilnetz: nicht die großen, umstrittenen Hochspannungstrassen, sondern die vielen kleinere Leitungen.

Das Positionspapier macht klar: Für den flächendeckenden Einsatz von Wärmepumpen insbesondere in den Städten wäre ein jahrzehntelang andauernder Ausbau erforderlich, der viel zu spät käme, um die Klimaziele zu erreichen. Auch Fernwärme sei nicht überall schnell genug umsetzbar, unter anderem weil es an Handwerkern fehle und wegen der hohen Kosten für Hausbesitzer. Vor allem in Ballungsräumen müsse daher zusätzlich das existierende Gasnetz klimaneutral weitergenutzt werden: mit Wasserstoff oder synthetischem Methan.

Ein weiterer Grund, warum das Stromverteilnetz ein Flaschenhals ist: Die Mittagsspitze von Solaranlagen. Schon heute sei die Aufnahmefähigkeit des Verteilnetzes für weitere großflächige Anlagen "kaum mehr gegeben". Stromspeicher könnten hier Abhilfe schaffen.

Kleedörfer spricht sogar davon, dass die Klimaziele aufgrund der Verteilnetz-Engpässe und zehntausender fehlender Fachkräfte für Planung und Umsetzung "fast nicht erreichbar sind". Im Positionspapier selbst ist von einer starken Gefährdung die Rede: "Zwingend erforderlich sind daher zeitnahe Änderungen am Rechtsrahmen, um den Stromverteilnetzausbau voranzubringen, gleichzeitig aber auf ein volks- wie energiewirtschaftlich sinnvolles Maß zu begrenzen."

Die Metropolregion will das Positionspapier mit seinen zahlreichen Forderungen nun auf Bundesebene einbringen. Schließlich werde klimaneutrale Energie laut Kleedörfer immer mehr zum Standortvorteil.

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