Kritik am Festhalten von Präsenzunterricht

Lehrervertreter fordern: Bessere Tests in den Schulen - im Notfall auch Distanzunterricht

Arno Stoffels
Arno Stoffels

Region und Bayern

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10.1.2022, 06:43 Uhr
Am Präsenzunterricht soll in jedem Fall festgehalten werden. Lehrerverbände warnen jedoch davor, Schulschließungen kategorisch auszuschließen.

Am Präsenzunterricht soll in jedem Fall festgehalten werden. Lehrerverbände warnen jedoch davor, Schulschließungen kategorisch auszuschließen. © Matthias Balk/dpa

Aus seiner Verärgerung macht Jürgen Böhm keinen Hehl. "Jedes Restaurant ist derzeit sicherer als eine Schule", sagt der Vorsitzende des bayerischen Realschullehrerverbands.

Natürlich wünsche auch er sich den Präsenzunterricht für alle Schülerinnen und Schüler. Doch die Ankündigung von Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler), dass es nach den Weihnachtsferien in jedem Fall keinen Distanz- oder Wechselunterricht geben wird und sich daran auch durch die für den 7. Januar angesetzte Bund-Länder-Konferenz nichts ändern wird, hält Böhm für vorschnell.

"Distanzunterricht zu diesem Zeitpunkt als etwas Böses auszuschließen, ist Blödsinn", so Böhm. Es müsse ein sicherer Unterricht gewährleistet werden und könne nicht darum gehen, die Schulen um jeden Preis offen zu halten.

Klare Regeln fehlen

Zumal es aus Böhms Sicht immer noch keine klaren und eindeutigen Regeln im Umgang mit der Pandemie gibt, die Schulen zu sicheren Orten machen würden. Die Kultusministerkonferenz ducke sich erneut weg und "versäumt die nächste Welle der Pandemie effektiv zu bekämpfen", so Böhm.

Er fordert ein Maßnahmenpaket aus Impfung, externer PCR-Testung, Maskenpflicht im Schulgebäude und angepasster Quarantäneregelung.

Ärgern würde er sich vor allem auch darüber, dass die Lehrkräfte immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt seien, sich ihrer Aufgabe entziehen zu wollen, dabei fehle es in erster Linie den bildungspolitisch Verantwortlichen an Mut "klare Regelungen zur Durchführung von Unterricht in Präsenz in den Schulen umzusetzen", so Böhm.

"Da wird es mir Angst"

Stattdessen bleibe es bei einem Gestochere im Nebel "und da wird es mir Angst", sagt Böhm. "Für alle möglichen Eventualitäten und Orte sind Notfallpläne vorgesehen, nur an den Schulen gibt es diese nicht."

Dabei dürfe es nicht dabei bleiben, dass Lehrerinnen und Lehrer Antigenschnelltests durchführen lassen, die in Böhms Augen bereits jetzt nicht die nötige Zuverlässigkeit bieten würden und bei denen nicht klar sein, ob sie die neue Omikron-Variante überhaupt ausreichend erkennen könnten.

"Wichtig wäre die konsequente Umsetzung einer kontrollierten 3G-Regelung, die die aktuellen und regionalen Verläufe klar im Blick behält, den Impfstatus der Schüler und Lehrkräfte berücksichtigt und valide Testungen beinhaltet", so Böhm.

Schnelles Handeln

Bei extremen Infektionslagen, wie sie derzeit in Großbritannien und den USA zu beobachten sind, müsse deshalb "regional über Distanzunterricht nachgedacht und schnell gehandelt werden".

Ähnlich äußert sich auch Sandra Schäfer als Vorsitzende des Nürnberger Lehrerinnen- und Lehrerverbands. "Die Gesundheit muss unser Handeln bestimmen", so Schäfer. Sie fordert PCR-Tests für alle Schulformen. Wenn dafür die Kapazitäten nicht vorhanden seien, müsse das klar benannt werden.

Die Aussage Piazolos zum Präsenzunterricht suggeriere eine Sicherheit an Schulen, die es nicht gebe und sei deshalb "Augenwischerei". Man "darf sich nicht vorschnell Instrumentarien nehmen", so Schäfer.

Entscheidung vor Ort

Stattdessen müsse mit "Ruhe und Besonnenheit" vor Ort entschieden werden. Es werde mit großer Wahrscheinlichkeit Schulen geben, die aufgrund von Ausbrüchen geschlossen werden müssten.

Auch Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), forderte zuletzt in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk "einen klaren Rahmen mit knallharten Parametern" für regional spezifische Schließungen.

Bewertet werden sollen neben Inzidenzen auch die Raumsituation vor Ort, die Impfquote der Schüler, die Lehrerversorgung sowie die digitale Ausstattung.

Keine Option

Schulleiter wie Dr. Hermann Lind vom Nürnberger Melanchthon-Gymnasium begrüßen es, nach den Ferien "erst einmal in Präsenz zu starten". Die Schüler mit Blick auf Omikron gewissermaßen präventiv über Wochen hinweg in den Distanzunterricht zu schicken, sei keine Option.

Zumal sich bei den Schulschließungen gezeigt habe, wie sehr diese Maßnahme in jeder Hinsicht zu Lasten der Kinder und Jugendlichen gehe. Gleichzeitig sei Präsenzunterricht aber nur möglich, "solange wir es verantworten können", so Lind. Die Sicherheit gehe vor. Noch sei nicht klar, "wie Omikron einschlägt". Doch im Zweifelsfall müsse schnell gehandelt werden.