LBV plädiert für Abschaffung der 10H-Abstandsregel

Überraschung im Ausbau-Streit: Selbst Bayerns Vogelschützer wollen mehr Windräder

RESSORT: Lokales / Sonstiges..DATUM: 31.08.16..FOTO: Michael Matejka ..MOTIV: Mitarbeiterporträt: Martin Müller..ANZAHL: 1 von 1..Veröffentlichung nur nach vorheriger Vereinbarung
Martin Müller

Redaktion Metropolregion Nürnberg und Bayern

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14.1.2022, 17:59 Uhr
Besonders für Greifvögel wie den Rotmilan und den Mäusebussard oder Fledermäuse sind Windräder eine Bedrohung. Hier sind Wildgänse zu sehen.
 

Besonders für Greifvögel wie den Rotmilan und den Mäusebussard oder Fledermäuse sind Windräder eine Bedrohung. Hier sind Wildgänse zu sehen.   © Patrick Pleul, dpa

Wie viele tote Vögel können wir in Kauf nehmen, um mehr Energie durch Windkraft erzeugen zu können? Auf diese Frage läuft letztendlich die Konfliktlinie hinaus, die derzeit zwischen Naturschützern und Befürwortern des Windkraftausbaus für heiße Diskussionen sorgt, zumal die neue Bundesregierung die Windkraft massiv ausbauen möchte.

Zwei Prozent der Landesfläche sollen dafür ausgewiesen werden. Die Erneuerbaren Energien bekommen eine überragende, öffentliche Bedeutung, andere Schutzgüter sollen laut Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) nachrangig bewertet werden können.

Vogelschützer wollen nicht gegen Windräder klagen

"Das heißt aber nicht, dass sich der Ausbau automatisch immer durchsetzt gegen andere Belange", betont Thorsten Müller, wissenschaftlicher Leiter der Würzburger Stiftung Umweltenergierecht. Es brauche aber, anders als heute der Fall, genau definierte, standardisierte Maßstäbe, die die Entscheidung nicht vom individuellen Sachbearbeiter der Behörde vor Ort abhängig machen.

"Wir wollen die Energiewende. Und dafür ist der Ausbau der Windkraft auch in Bayern ganz zentral", meint Norbert Schäffer, Vorsitzender des Landesbundes für Vogelschutz (LBV). Durch die 10H-Abstandsregel im Freistaat werde sein Verband bisher in die Rolle des Windkraftverhinderers gedrängt, obwohl man das eigentlich gar nicht sei.

"Durch 10H können Windräder fast nur dort gebaut werden, wo es der Natur weh tut. Da müssen wir dann natürlich auch klagen. 10H legt uns Fesseln bei der Standortsuche an, bei der wir maximale Flexibilität bräuchten. Wo windkraftsensible Arten nicht übermäßig bedroht sind, unternimmt der LBV natürlich auch keine rechtlichen Schritte", versichert Schäffer, der 5H als Abstandsgebot für ausreichend halten würde.

Problem: Rotmilan guckt im Flug nur nach unten

Und davon gebe es genug Regionen in Bayern. Schließlich sind Rebhühner oder Drosselrohrsänger nicht in Rotorhöhe unterwegs. Kritischer wird es bei bestimmten Groß- und Greifvogelarten wie den Rotmilanen, den Mäusebussarden und den Schwarzspechten oder bestimmten Fledermausarten. "Der Rotmilan hat nun mal die blöde Angewohnheit, dass er im Flug immer nach unten guckt", erklärt Schäffer.

"60 Prozent des Weltbestands des Rotmilans leben in Deutschland. Deshalb haben wir für ihn auch eine besondere Verantwortung", verdeutlicht Katrin Böhning-Gaese, Direktorin des Frankfurter Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums. Sie plädiert dafür, mit Windrädern nicht in die Hotspots der Artenvielfalt zu gehen mit kleinräumiger Landschaft und extensiver Landwirtschaft, sondern dorthin, wo es ohnehin schon sehr homogene Strukturen und eine intensive Bewirtschaftung gibt.

"Schon auf der Ebene der Raumordnung müssen wir gezielt die Gebiete ausweisen, in denen es am wenigsten Konfliktpotenzial mit dem Artenschutz gibt", betont denn auch Thorsten Müller von der Stiftung Umweltenergierecht. Dieser Raum dürfe nicht künstlich verkleinert werden durch 10H oder den Ausschluss von Waldflächen und Landschaftsschutzgebieten.

Tod von Tieren wird in Kauf genommen

Die Bundesregierung möchte sich in Zukunft mehr auf den Schutz von Arten und Populationen fokussieren und weniger auf den Schutz von individuellen Tieren. Der Tod einer bestimmten Anzahl von Tieren einer Art wird also in Kauf genommen, wenn dadurch die Population nicht bedroht wird. Schwierig dabei ist allerdings, dass man bei vielen Arten weder deren Bestand kennt noch die genaue Zahl der Windkraftopfer.

Für die nicht vermeidbaren Verluste sollen anderswo Ausgleichsmaßnahmen durchgeführt werden, die den Bestand dieser Arten möglichst fördern. "Uns geht es um den Erhaltungszustand der Arten, nicht um den einzelnen Vogel", bestätigt der LBV-Vorsitzende Norbert Schäffer dieses Vorgehen.

"Sie müssen hier doch irgendeinen Milan finden", würden manchmal Windkraftgegner Schäffer zu einem Besuch auffordern. Das ärgert den LBV-Vorsitzenden maßlos. "Wir lassen uns hier nicht instrumentalisieren. Wir brauchen die Windkraft", betont er.

Bayerns Landkreise wollen 10H beibehalten

Die Windkraftbranche selbst ist der Meinung, dass sich dank der umfangreichen artenschutzrechtlichen Untersuchungen vor der jeweiligen Genehmigung Artenschutz und Windkraft gut vereinbaren lassen. "Wir haben große Schutzabstände zu gefährdeten Arten, sonst werden die Anlagen auch nicht genehmigt", betont Bernd Wust, Bayerns Landesvorsitzender des Bundesverbandes WindEnergie (BWE). Trotz dieser Vorgaben sei ein hinreichender Ausbau der Windenergie in Bayern möglich.

Zumindest ohne 10H, denn ein so bedeutendes Projekt könne man nicht abhängig machen von den individuellen Entscheidungen in 2000 Kommunen. "Da braucht es eine übergeordnete Planung, sonst hat man ja keinerlei Steuerungsmöglichkeit, was am Ende dabei rauskommt", betont Bernd Wust.

Der Bayerische Landkreistag sieht das freilich anders. Hier möchte man 10H beibehalten und die Energiewende technologieoffen gestalten. "Wir wehren uns gegen zentralistische Festlegungen aus Berlin, die zu einem ungesteuerten Wildwuchs und zu einer Aushöhlung der kommunalen Planungshoheit führen", meint Landkreistagspräsident Christian Bernreiter.

Technik kann einzelne Vogelarten identifizieren

Wo die Konflikte mit dem Artenschutz immer noch zu groß sind, könnten in Zukunft technische Möglichkeiten dabei helfen, zusätzliche Standorte zu erschließen. Im Allgäu etwa soll ab 2023 ein Vogelerkennungssystem getestet werden, das auch die konkrete Vogelart identifizieren kann. So muss das Windrad nur abgeschaltet werden, wenn sich bestimmte, besonders windkraftsensible und bedrohte Vogelarten nähern.

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