Drama am Zürichsee

"Wanda, mein Wunder": Eine ganze Familie als Pflegefall

7.1.2022, 10:17 Uhr
Wanda und der alte Josef sind gut aufeinander eingespielt.

Wanda und der alte Josef sind gut aufeinander eingespielt. © Aliocha Merker/X-Verleih

Gerade 9500 Schweizer Franken für drei Monate harte Arbeit rund um die Uhr: Das ist nicht viel, zumal in der reichen Schweiz. Für die Polin Wanda aber ist es das notwendige Zubrot, das sie dringend braucht, um ihre Kinder daheim durchzubringen. Immer wieder zieht sie deshalb in die Schweiz, um den betagten Josef zu pflegen, der nach einem Schlaganfall gelähmt ist.

Regisseurin Bettina Oberli und Drehbuchautorin Cooky Ziesche erzählen in "Wanda, mein Wunder" von einer großbürgerlichen Familie am Rande des Zusammenbruchs. Hausherr Josef (André Jung) ist geistig noch recht fit, aber auf Betreuung angewiesen.

Wanda (Agnieszka Grochowska) hilft ihm nicht nur beim An- und Ausziehen, sie ist quasi immer für ihn da und geht nebenher der Dame des Hauses (von resoluter Arroganz: Marthe Keller) zur Hand. Auch Sohn Gregor (Jacob Matschenz) lebt noch in dem herrschaftlichen Haus direkt am Zürichsee.

Plötzlich schwanger

Alle mögen die freundliche, bescheidene Polin. Trotzdem fühlt sich Wanda allein in der wohlhabenden Familie, deren Miteinander nicht immer von Empathie geprägt ist. Für ihre Einsamkeit findet der Film starke Bilder: Einmal sehen wir Wanda, wie sie von ihrem dunklen Kellerzimmer aus den Rauch ihrer Zigarette durchs offene Fenster nach oben bläst: ein starkes, an das Hierarchiegefälle zwischen den reichen Schweizern und der ärmerer Polin gemahnendes Bild.

Zugleich nimmt der Film manch überraschende, sogar surreale Wendung: Nicht nur, dass Wanda plötzlich schwanger ist, auch eine polnische Kuh und das Thema Adoption stehen plötzlich im Raum. Doch gelingt es vor allem Agnieszka Grochowska mit ihrem wirklichkeitsnahen Spiel, die zwischen Sensibilität und Sarkasmus changierende Familien-Tragikomödie zu erden.

Und selbst wenn es immer wieder Momente gibt, in denen man sich fast in einer Groteske wähnt, wenn sich Gregor und seine Schwester Sophie (Birgit Minichmayr) streiten und das allzu manieriert, zu aufgesagt daher kommt, merkt man irgendwann: Gerade diese Masche passt zu diesem Film.

"Wanda, mein Wunder" will sich eben nicht in die lange Reihe schwermütiger deutschsprachiger Betroffenheitsdramen einreihen. Aller Ironie, Überzeichnung und Exaltiertheit zum Trotz: Wer genau zuschaut und hinhört, erkennt den menschenfreundlichen Kern der Geschichte, der seine beeindruckende Gestalt in der polnischen Hauptdarstellerin und ihrem unprätentiösen Spiel findet (110 Minuten).

In diesen Kinos läuft der Film.

Keine Kommentare