Misogyner 007

Ohrfeigen und sexuelle Nötigung: Warum alte Bond-Filme teilweise schwer zu ertragen sind

Christian Urban
Christian Urban

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25.1.2023, 05:49 Uhr
Aus der Anfangssequenz von "Diamantenfieber" (1971): Wenn die Namenlose nicht verraten will, wo sich Erzbösewicht Ernst Stavro Blofeld aufhält, wird sie eben von 007 mit ihrem Bikini-Oberteil stranguliert, bis es ihr wieder einfällt.

© imago images / United Archives, NNZ Aus der Anfangssequenz von "Diamantenfieber" (1971): Wenn die Namenlose nicht verraten will, wo sich Erzbösewicht Ernst Stavro Blofeld aufhält, wird sie eben von 007 mit ihrem Bikini-Oberteil stranguliert, bis es ihr wieder einfällt.

"Wirst Du wohl parieren?", fährt Marc Ange Draco seine Tochter Tracy an, dann schlägt er ihr heftig ins Gesicht. Sie verliert das Bewusstsein, wird von ihrem Vater in einen wartenden Hubschrauber gezerrt und vom schneebedeckten Gipfel des Piz Gloria (der in Wirklichkeit Schilthorn heißt und in den Schweizer Alpen liegt) geflogen, wo James Bond und Dracos kleine Privatarmee gerade gegen 007-Dauergegenspieler Ernst Stavro Blofeld und seine Handlanger kämpfen.

Ereignet hat sich das in George Lazenbys einzigem Auftritt als berühmtester Geheimagent der (Film-)Geschichte - dem damals gnadenlos verrissenen und bis heute dramatisch unterschätzten 007-Abenteuer "Im Geheimdienst ihrer Majestät". Da wurden Frauen halt auch mal geohrfeigt, wenn es aus Sicht des Mannes sein musste. Das war 1969.

Leidenschaftlicher Fan

Ich darf mich vorstellen: Mein Name ist Urban, Christian Urban. Und ich bin nicht nur Online-Redakteur (weitere semi-peinliche Anspielungen wie "mit der Lizenz zum Schreiben" erspare ich Ihnen und mir), sondern auch leidenschaftlicher 007-Fan.

Seit "Der Hauch des Todes" (1987) habe ich jeden Bond im Kino gesehen. Mindestens innerhalb der ersten Woche, meist direkt am Starttag. Und natürlich habe ich sämtliche Filme entweder als Blu-ray im Regal stehen oder als Stream in meiner virtuellen Filmbibliothek - von "James Bond – 007 jagt Dr. No" (1962) bis "Keine Zeit zu sterben" (2021). Und auch wenn ich die moderneren Filme lieber mag, sehe ich auch die alten immer wieder gerne an. Obwohl ich dabei immer öfter merke, dass manche Szenen aus heutiger Sicht - zurückhaltend formuliert - nur schwer zu ertragen sind.

Der eingangs geschilderte Schlag gehört dazu - und er schmerzt tatsächlich noch ein kleines bisschen mehr als die anderen Ohrfeigen, die zahlreiche Frauen in den frühen Bonds kassiert haben. Denn dieser trifft die (meiner bescheidenen Ansicht nach) stärkste Frau der ganzen Reihe - bis 1989 in "Lizenz zum Töten" die knallharte Ex-Army-Pilotin Pam Bouvier die Bühne betrat, um an der Seite von 007 einen südamerikanischen Drogenbaron zur Strecke zu bringen.

Tracy - eigentlich Teresa di Vincenzo - brauchte keinen Mann. Sie hatte es geschafft, sich weitgehend von ihrem kriminellen Vater zu emanzipieren, lebte ihr Leben auf ihre eigene Weise, ließ sich auf den chronischen Herzensbrecher James Bond nur höchst widerwillig ein und tanzte ihm dabei auch noch ordentlich auf der Nase herum. Und: Sie war die einzige Frau, die James Bond in seiner mittlerweile 60-jährigen Filmgeschichte heiraten sollte. Auch wenn das Glück nur Minuten währte und tragisch auf einer Küstenstraße endete. Im von Kugeln durchsiebten Aston Martin DBS, der noch den hochzeitlichen Blumenschmuck trug - und den Schriftzug "Just Married" auf dem Heckfenster.

Eine weitere dieser schwer anzusehenden Szenen ereignet sich in "Goldfinger" (1965) - nach Meinung vieler Fans der beste Bond, der jemals gedreht wurde. Erzbösewicht Auric Goldfinger hält Bond auf seinem Gestüt in Kentucky fest und lässt 007 von seiner Privat-Pilotin Pussy Galore übers Gelände führen. In einem Stall entwickelt sich eine Rangelei zwischen ihr und Bond, in deren Verlauf er die Frau zu Boden wirft, sich auf sie legt, sie festhält und sie zu küssen versucht. Sie wehrt sich, doch er ist stärker - und nach einigen Sekunden gibt sie dann nach und küsst ihn. Na also, sie wollte es doch auch. Sie wusste es am Anfang einfach nur nicht.

Massive Grenzüberschreitung

Ich weiß nicht mehr, wann ich Goldfinger zum ersten Mal gesehen habe, schätze aber, dass ich so etwa zwölf Jahre gewesen sein müsste. Und doch hat es Jahrzehnte gedauert, bis ich diese Szene bewusst als massive Grenzüberschreitung und sexuelle Nötigung wahrgenommen habe. Einfach weil das, was da gezeigt wurde, in Filmen und Serien damals auf irritierende Weise vollkommen normal war.

War es auch in der Realität normal? Ich weiß es nicht, aber ich fürchte es, denn als 007-Darsteller Sean Connery 1965 bei einem Playboy-Interview auf Bonds Umgang mit den Frauen angesprochen wurde, antwortete er: "Ich glaube nicht, dass es falsch ist, eine Frau zu schlagen. (...). Aber nur, wenn alles andere gescheitert ist und nach ausreichender Warnung." Eine Aussage, von der er sich erst 2006 distanzierte.

Gewalt und Übergriffigkeit gegenüber Frauen waren allerdings keine exklusiven Charaktermerkmale der Connery- und Lazenby-Bonds. Auch mit Roger Moore, der 1973 sein 007-Debüt mit “Leben und sterben lassen” gab, änderte sich wenig. Moore verkörperte Bond zwar deutlich anders als Connery und Lazenby, nämlich weniger körperlich und mit deutlich mehr Ironie (teilweise hart an der Grenze zum Slapstick - teilweise leider auch darüber hinaus), ohrfeigte und bedrängte Frauen aber wie seine Vorgänger, wenn es ihm gerade sinnvoll erschien.

Erst danach änderten sich die Dinge. Zunächst sanft und schlicht dadurch, dass Timothy Daltons Bond in “Der Hauch des Todes” (1987) und “Lizenz zum Töten” (1989) einfach keine Frauen schlug und generell respektvoller mit ihnen umging. Der harte Bruch mit den früheren Filmen der Reihe folgte allerdings mit “Goldeneye” (1995) - und das in mehrerlei Hinsicht. Plötzlich schmolz Moneypenny, die ewige Sekretärin von Bonds Vorgesetztem “M”, nicht mehr bei den Avancen von 007 (Pierce Brosnan) dahin, sondern wies ihn mit den Worten “dieses Verhalten könnte man als sexuelle Belästigung betrachten!” zurecht. Und noch bedeutsamer: Nach 33 Jahren war M erstmals (und anschließend noch in sechs weiteren 007-Abenteuern) eine Frau, verkörpert von Judi Dench.

Harter Bruch

Und ich muss gestehen: Der Bruch war tatsächlich hart. Es war quasi ein Paradigmenwechsel mit dem Holzhammer. Ich erinnere mich noch, wie ich damals bei “Goldeneye” im Kino saß, Moneypenny die oben bereits erwähnten Warnung aussprach und M kurz später Bond als "sexistischen, frauenfeindlichen Dinosaurier” bezeichnete. Ich verzog das Gesicht und dachte etwas wie “GOTT, jetzt fangen die sogar schon bei Bond mit diesem Scheiß an”. Ja, ehrlich. Das habe ich damals gedacht. Dabei war es einfach die Wahrheit. Nur war mir das damals nicht bewusst.

Ich kann mich nur dunkel an die mediale Rezeption von “Goldeneye” erinnern, weiß aber noch, dass die deutlich weiblichere Ausrichtung des Films durchaus als positiv und überfällig wahrgenommen wurde. Und nachdem das Internet damals noch quasi unbekannt war und soziale Netzwerke noch gar nicht existierten, gab es logischerweise auch keinen Shitstorm wegen der plötzlichen “Wokeness” der 007-Reihe. Wären Facebook und Twitter damals schon verfügbar gewesen, hätte wohl das Netz gebrannt. So wie nun, fast 30 Jahre nach “Goldeneye”, beim Erscheinen des letzten von fünf Bond-Filmen mit Daniel Craig als 007.

Nix für die konservativen Fans

Besonders die “Connery war der Beste”-Fraktion wurde nie wirklich warm mit Craig - was vermutlich auch daran liegt, dass er die Rolle nicht nur sehr hart, sondern auch sehr modern spielte. Er zeigte Gefühle (verliebte sich - und das sogar zweimal), litt und blutete ausgiebig (ähnlich wie Timothy Dalton übrigens, der mit seiner Bond-Interpretation der Zeit wohl einfach voraus war und sich daher Ende der 80er einfach nicht durchsetzen konnte), wodurch er sich auch von seinem Vorgänger Pierce Brosnan deutlich absetzte. Auch die Frauenrollen waren in den Craig-Bonds noch einmal stärker und differenzierter ausgearbeitet als früher.

Von “Casino Royale” (2006) bis “Spectre” (2015) funktionierte das alles auch für die konservativen Fans irgendwie - mit “Keine Zeit zu sterben” (2021) dann allerdings nicht mehr. Vorsicht übrigens, falls Sie den Film noch nicht gesehen haben, ihn aber noch ansehen wollen: Es folgen einige unvermeidliche Spoiler.

In seinem letzten Film bringt Daniel Craig die Evolution seines sehr menschlichen Bonds zum Abschluss. Er wird Vater einer Tochter, ist seines Lebens und seines Daseins als Agent sichtlich müde, ist in manchen Szenen den Tränen nahe - und am Ende des Films erdreistet er sich sogar zu sterben. Und als wäre das alles nicht genug, stellt sich Bonds Quartiermeister Q auch noch als schwul heraus. Ich kann hier unmöglich detailliert aufschreiben, welche negativen Reaktionen der Film ausgelöst hat - aber wenn Sie einen ungefähren Eindruck davon erhalten wollen, lesen Sie doch auf Amazon.de ein paar der 1-Stern-Rezensionen des Films. Ich verspreche Ihnen bizarre Unterhaltung.

Auch wenn dieser Shitstorm letztlich erwartbar war, ist es doch bedenklich, dass diese neue und teils diversere Ausrichtung des Bond-Franchise derartigen Hass auslöst. Schließlich ist es durchaus vorstellbar, dass so manch geifernder Fan ein wesentlich geringeres Problem mit einem Bond hätte, der eine Frau schlägt, als mit einem, der Gefühle zeigt, eine Tochter hat und von einem schwulen Quartiermeister mit Waffen versorgt wird. 1962 wäre das angesichts der damaligen Weltsicht ja vielleicht noch irgendwie nachvollziehbar gewesen (was das alles jedoch nicht besser macht). 2021 war es allerdings ausgesprochen beunruhigend und zeigt, dass wohl gesellschaftlich gesehen doch noch ein weiter Weg vor uns liegt.

Oh, und sollten Sie jetzt denken, ich wäre bestimmt auch einer dieser linksgrünen Schreiberlinge, die aus Bond am liebsten eine Frau machen würden, muss ich sie übrigens enttäuschen. Ich wäre offen gesagt sogar tödlich beleidigt, wenn James Bond - wie in den vergangenen Jahren öfter mal in den Medien spekuliert - in eine Frau umgewandelt werden würde. Bond ist ein Mann und soll das bitte auch bleiben. Nur eben ein moderner Mann. Kein sexistischer, frauenfeindlicher Dinosaurier.

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