Jubiläum eines weltberühmten Autors

Warum der Komödiant Molière vor 350 Jahren neben Selbstmördern und Ungetauften beerdigt wurde

14.1.2022, 05:55 Uhr
Molières

Molières "Der Geizige" ist ein Stoff, der 2012 auch den damaligen Berliner Volksbühnenchef Frank Castorf reizte - hier mit Martin Wuttke als Harpagnon. © imago stock&people, imago/DRAMA-Berlin.de

Als Jean-Baptiste Poquelin alias Molière am 17. Februar 1673 starb, qualvoll nach einem Blutsturz, begann das letzte absurde Kapitel seines vergangenen Lebens: kein Pfarrer wollte ihn aussegnen, die Bestattung auf einem städtischen Friedhof in Paris wurde ihm versagt.

Erstausgabe der Komödie

Erstausgabe der Komödie "Le Misanthrope" (Der Menschenfeind) von Molière. © akg-images/Fototeca Gilardi, epd

Erst als König Ludwig XIV. sein Veto einlegte, scharrte man den Leichnam heimlich in der Nacht auf dem Gottesacker in der Abteilung für Selbstmörder und ungetaufte Kinder ein. Fünf Fuß tief, weil die „geweihte Erde“ vier Fuß unter dem Erdboden endete.

Der einzige Grund für diese lächerliche, entwürdigende Prozedur: Molière war Komödiant! Und als solcher kein Mitglied der ehrenwerten Gemeinschaft. Eher so ein Nichtsnutz, den man schon mal mit dem Satan und anderen obskuren Gestalten im Verbund wähnte. Vor allem aber war er einer, der sich unbeliebt gemacht hatte.

Vor 400 Jahren, am 15. Januar 1622, wurde Molière geboren (hier auf einem Gemälde von Charles Lebrun). Er blieb so sehr Außenseiter, dass nach seinem Tod niemand seinen Leichnam haben wollte.

Vor 400 Jahren, am 15. Januar 1622, wurde Molière geboren (hier auf einem Gemälde von Charles Lebrun). Er blieb so sehr Außenseiter, dass nach seinem Tod niemand seinen Leichnam haben wollte. © akg-images, epd

In seinen Komödien, die im Theater des Palais Royal vor begeistertem Bürger-Publikum gespielt wurden, legte er sich mit allem und jedem an, vornehmlich mit den oberen paar Hundert: der Aristokratie, dem Klerus, den Ärzten, den Anwälten, den Emporkömmlingen. Nur einen verschonte er stets: den König selber.

Denn der hielt viele Jahre seine schützende Hand über den Schauspieler und Dramatiker, der am 15. Januar vor 400 Jahren in Paris geboren wurde. Es ist in den Jahrhunderten bis heute heftig darüber diskutiert und geschrieben worden, ob Molière ein Speichellecker war, einer, der sich der Herrschaft anbiederte, unterordnete und nach ihrem Maul schrieb.

Richtig ist: er und seine Truppe brauchten die Protektion, um wirtschaftlich existieren zu können, und die Widmungen, die er manchen Stücken voranstellte, lesen sich wirklich höchst unterwürfig. Andererseits aber nahm der Mann nie ein Blatt vor den Mund, diffamierte die Klientel, führte die Laffen und Lügner und Betrüger vor, reizte sie und machte sie lächerlich.

Ludwig hatte Humor, und da er ohnehin keinen anderen neben und schon gar nicht über sich duldete, stimmte er auch ins Lachen ein, wenn es seinen Untertanen an Kragen und Ehre ging.

Das Leben des Herrn Molière verlief dabei alles andere als gradlinig, und auch die letzten Jahre des Erfolgs konnten nichts daran ändern, dass kaum glücklich war. Geboren in eine angesehene Pariser Handwerker-Familie, brachte ihn sein Großvater schon früh zu den Stätten, die der anständige Bürger eher mied: zu den Theatern oder auf den Pont Neuf, wo die Wandertruppen ihre Stegreifspiele darboten.

Denkmal des französischen Dichters Molière von Bernard Seure in der Rue Richelieu in Paris.

Denkmal des französischen Dichters Molière von Bernard Seure in der Rue Richelieu in Paris. © Herve Champollion/akg-images, epd

Der kleine Jean-Baptiste war elektrisiert. Gegen den Wunsch des honorigen Vaters schloss er sich den Schauspielern an, zog mit ihnen jahrelang unter widrigsten Umständen und ohne Einnahmen übers Land, quer durch Frankreich, gründete eigene Compagnien, inszenierte damals bekannte Stücke von Corneille oder Racine – und scheiterte.

Die Konkurrenz war zwar nicht groß, aber ungeheuer eifersüchtig, gönnte niemand anderem Erfolge, warb Schauspieler ab, verscheuchte das Ensemble von Stammplätzen. Zudem hatte sich Molière zunächst ganz der Tragödie verschrieben, und erst als er merkte, dass ihm das komische Fach viel besser lag, sollte sich die Situation ändern.

Er begann selber zu schreiben und von Beginn an standen in seinen Stücken die Personen im Mittelpunkt, die der einfache Zuschauer schon immer gefürchtet und heimlich zum Teufel gewünscht hatte. Jetzt konnte man sich lauthals und befreit über diese seltsamen Heiligen amüsieren, denn sie wurden als Karikaturen dort oben auf der Bühne vorgeführt und ohne Gnade ihrer Dümmlichkeit preisgegeben.

Sein Leben endete nach einem Schwächeanfall während einer Aufführung seines

Sein Leben endete nach einem Schwächeanfall während einer Aufführung seines "Eingebildeten Kranken": der französische Dichter Molière, hier in einem Kupferstich von Louis Pierre Henriquel-Dupont.  © akg-images, epd

Übertriebene Eitelkeiten, berechnende Unterwürfigkeit, geldgeiles Ausbeutertum, blöde Affektion, lebensgefährlicher Dilettantismus, erotische Dreistigkeiten: in Stücken wie „Die Schule der Frauen“, „Tartuffe“, „Der Menschenfeind“, „Der Geizige“, „Der Bürger als Edelmann“ oder „Der eingebildete Kranke“ (die auch heute noch zuverlässig auf den europäischen Theater-Spielplänen zu finden sind) lieferte Molière gallig das Abbild einer zutiefst verdorbenen und verlogenen Gesellschaft und Figuren wie nach der gruseligen Wirklichkeit gezeichnet.

Nichts war ihm heilig – außer Ehrlichkeit und Spott. Die mit spitzem Stift gezeichneten und bis zur Kenntlichkeit getroffenen Figuren brüllten auf, störten die Vorstellungen, klagten, denunzierten.

Doch Molière durfte weiter spielen, wenn der König und seine Entourage sich nur amüsierten. Natürlich zehrte diese „carte blanche“ am Selbstbewusstsein eines nicht wirklich „freien“ Künstlers: Molières frühe und zähe Krankheit mag ihren Grund in dieser andauernden psychischen Belastung, diesem verdammten Zwiespalt gehabt haben.

Er starb – wie gerne kolportiert wird – nicht auf der Bühne. Allerdings erlitt er ausgerechnet während der Aufführung des „Eingebildeten Kranken“, in der er die Hauptfigur Argan gab, einen Schwächeanfall und wurde sogleich nach Hause gebracht. Zu spät.

Sich totstellen ist nicht gefährlich

Dieses Ende ist blanke Ironie, die das Schaffen des Herrn Molière doch so bestimmte: Ob es auch nicht gefährlich sei, sich totzustellen, fragt in dem Stück Argan einmal ängstlich.

„Nein nein, was für eine Gefahr sollte dabeisein?“, wird ihm geantwortet, „strecken sie sich ruhig aus.“

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