Mal kurz raus über die Feiertage?

Auf dem winterlichen Hochrhöner lässt man wandernd den Corona-Alltag unter sich

24.12.2021, 06:47 Uhr
Der Kreuzberg beherrscht die Aussicht auf die Kuppenrhön im Dunst.
 

Der Kreuzberg beherrscht die Aussicht auf die Kuppenrhön im Dunst.   © Christian Krause/dpa

Alles beim Alten also, wenn auch kein Lockdown mehr wie im letzten Winter. Einmal mehr tut man gut daran, seinen Mitmenschen nicht zu nahe zu kommen. Immerhin ist aber der Appell "Zuhausebleiben!" verstummt. Was sollte am Rausgehen denn auch falsch sein, wenn man nicht gerade (meist abgesagte) Massenveranstaltungen wie Weihnachtsmärkte, Fußballstadien oder Karnevalsumzüge ansteuern würde?

Die Pandemie beschert uns also eine weitere besondere Wandersaison, was auch etwas Tröstliches hat. Spätestens seit dem ersten Lockdown wissen wir ja, wie reizvoll es sein kann, sich wandernd durchs eigene Land zu bewegen.

Nun also ein verlängertes Wochenende in der Rhön: Das geht auch jetzt wie im Sommer zu Fuß von Ort zu Ort, drei knackige Etappen auf dem 'Hochrhöner', einem der gefeierten Premiumwege der Republik.

600 Meter hohe Katzenstein

Startpunkt ist das hübsche Zella, wo es gleich mal zünftig aufwärts geht und die ganz dicken Jacken schnell im Rucksack verstaut sind. Bald ist der 600 Meter hohe Katzenstein erreicht, kein eigentlicher Berg, sondern eine baumlose Anhöhe. Dass wir uns der Welt abhanden gekommen fühlen, ist kein Wunder: Der Katzenstein liegt mitten im Grenzgebiet von Hessen und Thüringen, genau dort, wo einst der Eiserne Vorhang für Einsamkeit sorgte.

Da Thüringen seit langem Corona-Hotspot ist, haben wir uns für den hessischen Teil des Hochrhöners entschieden. Mit Wasserkuppe und Milseburg warten hier ja auch die höchsten Gipfel des Vulkangebirges.

Die Wegmarkierungen kann man kaum übersehen - hier an der Wasserkuppe.

Die Wegmarkierungen kann man kaum übersehen - hier an der Wasserkuppe. © Gerhard Fitzthum

Tann ist der erste Ort auf hessischem Boden – kein Bauerndorf, sondern ein richtiges Städtchen mit erstaunlich viel historischer Bausubstanz. Umso eigentümlicher, dass die meisten Restaurants und Cafés geschlossen sind. "Ihr seid einfach nur zur falschen Zeit unterwegs", wird uns Hotelier Gerhard Wibelitz am nächsten Abend versichern. Vor Corona sei es mit dem Fremdenverkehr immer nur aufwärts gegangen, und danach werde es wohl genauso sein: "Wir haben ja noch das ursprüngliche Landschaftsbild, das in anderen Mittelgebirgen oft verschwunden ist – durch Straßen und Siedlungsbau, aber auch durch 200 Meter hohe Windräder."

Großflächiges Biosphärenreservat

Solche gibt es hier auch deshalb nicht, weil sich die Rhön bereits 1991 in ein großflächiges Biosphärenreservat verwandelte. Das von offenen Weideflächen geprägte Landschaftsbild soll von Eingriffen aller Art verschont bleiben.

An der Wasserkuppe sind wir froh, endlich etwas Schnee unter den Sohlen zu haben. Zu den Nachteilen des Wanderns in der kalten Jahreszeit gehört es ja, dass die Wege selbst dann feucht und rutschig bleiben, wenn es länger nicht geregnet hat. Andererseits kann man jetzt immer genauso viel ausziehen, dass man nicht ins Schwitzen kommt. Zudem bleibt man von fliegenden Blutsaugern verschont und muss nicht immer wieder wild gewordenen Mountainbikern ausweichen.

Beim Passieren des Rodelhangs tauchen Bilder aus dem letzten Corona-Winter auf, als die Ausflugsziele der Mittelgebirge plötzlich im Fokus der Medien standen. Kaum war der erste Schnee gefallen, hatten seit Wochen downgelockte Stadtbewohner ihre Kinder und Schlitten ins Auto gepackt, um für ein paar Stunden die Freuden des Winters zu genießen – was angesichts der Pandemie oft als Verantwortungslos gebrandmarkt wurde. Empörung am falschen Ort, wie Aerosolforscher schon damals wussten. Sie hatten beteuert, dass die Wahrscheinlichkeit, sich an der frischen Luft zu infizieren, praktisch gegen null geht.

Am letzten Wandertag scheint die Sonne von einem wolkenlosen Himmel. Während des langen Talabstiegs begegnet uns aber trotzdem nur einziger Wanderer. Klar, dass man da ins Grübeln kommt: Wird das Volk der Dichter und Denker seine Freizeit auch in diesem Winter wieder vor Bildschirmen vertrödeln und sich dabei Kummerspeck anfressen?

Im Straßencafè einen letzten Cappuccino trinkend, sind wir ganz sicher, wieder alles richtig gemacht zu haben. Weil wir draußen aktiv sind, stärken wir nicht nur unsere Moral, sondern auch unser Immmunsystem. Dagegen sollte niemand etwas sagen können.

Mehr Informationen:
Biosphärenreservat Rhön, www.rhoen.de, Tel.: 0 97 49 / 93 00 80 0
Hochrhöner Tourentipps u.a. hier: www.wildganz.com/fernwanderweg/hochrhoener
Anreise:
Ab Nürnberg nach Zella 215 Kilometer über die A73, mit dem Zug u.a. nach Gersfeld via Würzburg ab 2,5 Stunden.

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