Berufsschule treibt Digitalisierung voran

Der Weg zur Industrie 4.0 führt über Herzogenaurach

Scott Johnston
Scott Johnston

E-Mail zur Autorenseite

10.1.2022, 12:30 Uhr
Angehende Wirtschaftsinformatiker und Mechatroniker prüfen an der Berufsschule in Herzogenaurach einen selbst konstruierten und zusammengebauten Logistik-Roboter. Im Vordergrund sind mobile Roboter zu sehen.

Angehende Wirtschaftsinformatiker und Mechatroniker prüfen an der Berufsschule in Herzogenaurach einen selbst konstruierten und zusammengebauten Logistik-Roboter. Im Vordergrund sind mobile Roboter zu sehen. © Scott Johnston

Herr Wirsching, in der Berufsschule am Staatlichen Beruflichen Schulzentrum Herzogenaurach Höchstadt sind die Schülerzahlen in den zurückliegenden Jahren leider kontinuierlich zurückgegangen. Was sind die Gründe für diese Entwicklung?

Seit dem Jahre 2016 bis heute ist die Anzahl der Berufsschülerinnen und Berufsschüler, die einen Beruf lernen, von 1135 auf 780 um 32 Prozent geringer geworden. Die Gründe liegen an mehreren Faktoren. Zum einen beschulen wir als berufliches Schulzentrum des Landkreises Erlangen-Höchstadt nach der geltenden Schulsprengelregelung nahezu ausschließlich Industrieberufe. Auszubildende, die einen Handwerksberuf erlernen, besuchen in der Regel benachbarte Berufsschulen. Wenngleich wir derzeit eine eher gesteigerte Nachfrage nach Bewerbern im Handwerk sehen, so erleben wir in der Industrie seit den letzten Jahren einen beständigen Abbau der Arbeitsplätze. Die einschlägigen Stichworte hierzu sind Automatisierung, Künstliche Intelligenz und Verlagerung von Industriestandorten ins Ausland. Daher bilden industrielle Ausbildungsbetriebe in der Regel weniger aus. Zum anderen bekommen die Betriebe oftmals nicht mehr die geeigneten Auszubildenden, so dass freie Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben.

Gibt es denn keine Chancen mehr, wenn junge Leute einen industriellen Ausbildungsberuf lernen?

Ganz im Gegenteil. Die Ausbildungsberufe wie zum Beispiel Industriemechaniker, Werkzeugmechaniker, Industriekaufmann beziehungsweise -frau, Büromanagementkaufmann, Kaufmann im Groß- oder im Einzelhandel sind alle attraktiv und interessant. Viele Sparten befinden sich derzeit in einem Umwandlungsprozess. Ich bin sicher, dass sich in den nächsten Jahren viele neue Chancen und Möglichkeiten auftun. Dazu verdient man bei uns in Deutschland gut, wenn man einen Ausbildungsberuf gelernt hat. Um das Erlernen von Ausbildungsberufen attraktiver zu machen, bieten wir Zusatzangebote an. So können bei uns Industriekaufleute während ihrer Ausbildungszeit in Abstimmung mit dem Ausbildungsbetrieb in unserer Schule an der Weiterbildungsmaßnahme zum Fremdsprachenkorrespondent teilnehmen. Außerdem können alle Schülerinnen und Schüler unserer Schule unter bestimmten Voraussetzungen die allgemeine Fachhochschulreife während ihrer Ausbildung in der sogenannten Berufsschule plus erwerben.

Oberstudiendirektor Martin Wirsching stellt das Konzept zum Einsatz digitaler  Medien im Unterricht vor.

Oberstudiendirektor Martin Wirsching stellt das Konzept zum Einsatz digitaler Medien im Unterricht vor. © Scott Johnston

Gibt es denn an Ihrem Schulzentrum auch Anschlussmöglichkeiten für Leute, die sich beruflich weiterqualifizieren möchten?

Seit diesem Schuljahr bieten wir insgesamt drei Fachschulzweige an, auf denen die Absolventen nach zwei Jahren Vollzeit den Titel Bachelor professional erwerben. Das neue Bildungsangebot ist der Wirtschaftsinformatiker für alle mit einer kaufmännischen oder technischen Ausbildung. Mit den beiden anderen Fachschulzweigen Mechatroniktechnik und Maschinenbau sind wir, glaube ich, sehr gut aufgestellt, um Leuten mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung beste Anschlussmöglichkeiten zu bieten.

Sie sagen, dass Sie seit diesem Schuljahr auch Wirtschaftsinformatik anbieten. Was sind die Schwerpunkte dieses Weiterbildungsgangs und wie groß ist hier der Zuspruch?

Wir freuen uns, dass wir trotz der besonderen Umstände, die wir seit März 2019 durch die Corona-Pandemie erleben, mit 14 Schülerinnen und Schülern im September gestartet sind. Wir glauben, dass gerade dieser Fachschulzweig sehr großes Potenzial für die Zukunft hat - zumal wir in der gesamten Metropolregion Nürnberg die einzige Schule sind, die diesen Fachschulzweig anbietet.

Viele Betriebe in der Region haben bereits großes Interesse an unseren zukünftigen Absolventinnen und Absolventen gezeigt. Mit dem Unternehmen ProLeit/Schneider Electric konnten wir bereits einen offiziellen Partner für die Wirtschaftsinformatiker gewinnen.

Vermittelt den Absolventen die Voraussetzungen für die Industrie 4.0: die Berufsschule am Friedrich-Weiler-Platz in Herzogenaurach.

Vermittelt den Absolventen die Voraussetzungen für die Industrie 4.0: die Berufsschule am Friedrich-Weiler-Platz in Herzogenaurach. © Scott Johnston

Die Digitalisierung der Wirtschaft spielt seit vielen Jahren eine große Rolle bei den Inhalten und Fertigkeiten, die Sie vermitteln. Inwiefern wurde dies durch die Digitalisierungs-Offensive des Bundes, des Freistaats und des Landkreises noch einmal intensiviert?

Wir haben in den vergangenen zwei Jahren einen einzigartigen Digitalisierungsschub erlebt. Durch die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Kämmerei des Landkreises Erlangen-Höchstadt konnten wir aus allen Fördertöpfen des Bundes, des Freistaates Bayern und aus Haushaltsgeldern des Landkreises Investitionen in Höhe von zirka 1,5 Millionen Euro ausschließlich zum Thema Digitalisierung tätigen.

Wohin floss denn dieses Geld in Ihrer Schule?

An allererster Stelle diente das Geld für die Umsetzung unseres bereits ein Jahr vor dem Lockdown formulierten Medienkonzepts. Die wichtigsten Ziele darin sind: Jeder Lehrer, jede Schülerin und jeder Schüler haben einen Account für den Unterricht in der Schule und einen eventuellen Distanzunterricht. Jeder Lehrer verfügt über ein iPad pro, jeder Vollzeitschüler über ein iPad. Alle Teilzeitschülerinnen und –schüler bekommen für die Zeit des Unterrichts ein iPad zur Verfügung gestellt. Jedes Klassenzimmer wurde auf digitalisierten Unterricht umgestellt, indem Nahdistanzbeamer und Projektionsfolien auf den Tafeln installiert wurden. WLAN-Netzausbau und Glasfaseranbindung folgten seit August 2020.

3D-Drucker für Metalle

Wie weit fortgeschritten ist die Einrichtung integrierter Fachunterrichtsräume, die viel besser als bisher die Verbindung von Theorie und Praxis beispielsweise durch eingebundene Experimente im Unterricht ermöglichen?

Zu den Digitalisierungspaketen gehörten auch der digitale Ausbau der Integrieren Fachunterrichtsräume. Aus diesen Mitteln konnten wir bereits vier Industrieroboter für die Berufsschule und die Fachschulen beschaffen. Nun kommen ein Metall-3D-Drucker und eine digitale Zugprüfungsmaschine hinzu. In den kommenden Jahren freuen wir uns auf den Ausbau weiterer Integrierter Fachunterrichtsräume im Zuge der geplanten Umbaumaßnahme. Dann werden zwei große Räume für die Themenbereiche Industrie 4.0/Robotik und 3D-Druck mit einem angegliederten Werkstoffprüfungslabor in unserem Schulzentrum in Herzogenaurach entstehen.

Wie groß ist das Interesse von Mädchen und jungen Frauen an den Ausbildungsgängen, die am Berufsschulzentrum Herzogenaurach besucht werden können?

In den Klassen der beiden Wirtschafts-Fachbereiche Industrie/Büro und Handel sind die Damen in der Überzahl. In den technischen Fachbereichen der Berufsschule und der Technikerschule sind nach wie vor mehr männliche Schüler und Studierende anzutreffen. Grundsätzlich sind aber alle technischen Bereiche auch für Damen attraktiv.

Enge Kooperation mit Firmen

Wie gestaltet sich Ihre Zusammenarbeit mit Firmen aus der Region?

„Wir pflegen eine kontinuierliche und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Ausbildungsbetrieben“: So steht es nicht nur in unserem Qualitätsprogramm. Kooperative Projekte, Arbeitskreise mit Ausbildern und Lehrern, gegenseitige periodische Abstimmungsgespräche und vieles mehr gehören bei uns zum alltäglichen Miteinander.

In den Technikerschulen kommt der Partnerschaft bei der Definition der Projektarbeitsthemen und der Durchführung der Projektarbeiten eine große Bedeutung zu. Wir haben das Ziel, dass wir für unsere Studierenden ausschließlich kooperative Projektarbeitsthemen definieren. Die einzige Ausnahme bilden Themen, die für ein Startup-Unternehmen in der Zukunft wegweisend sind.

Wie kommen Sie mit der Corona-Pandemie und den wechselnden Auflagen zurecht?

Die Umsetzung der Auflagen und die immer häufiger werdenden positiven Tests beanspruchen von uns viel Zeit und Energie. Für unsere Schülerinnen und Schüler ist diese Zeit genauso wie für unsere Lehrkräfte schon sehr fordernd, aber wir versuchen, das Beste daraus zu machen.

Keine Kommentare