Rückblick

Vor 100 Jahren: Wirtschaftlich schwere Situation machte Herzogenaurach zu schaffen

12.1.2022, 10:25 Uhr
So sah es aus: das ehemalige Kommunbrauhaus in der Steggasse in Herzogenaurach. 

So sah es aus: das ehemalige Kommunbrauhaus in der Steggasse in Herzogenaurach.  © Dr. Manfred Welker, NN

Das Jahr 1922 war in Herzogenaurach vor allem von der schwierigen wirtschaftlichen Situation geprägt. In das ehemalige Kommunbrauhaus wurden Wohnungen eingebaut.

Vor 100 Jahren schritt in Herzogenaurach der Ausbau des Stromnetzes voran, unter der Leitung von Ingenieur Kobod errichtete es die Baufirma Beka aus Berlin. Am 17. Mai 1922 erfolgte die Auflösung der Kommunbraurechte.

Die Brauhauseinrichtung war unbrauchbar geworden und die öffentlich-rechtlichen Gegenleistungen konnten von den wenigen Braurechtlern nicht mehr getragen werden. In das ehemalige Kommunbrauhaus wurden sieben Wohnungen und im Erdgeschoss das Wannen- und Brausebad eingerichtet. Direktor Berneis gab zur Errichtung eines Bades 5000 Mark Zuschuss.

Bürgermeister trat von Amt zurück

Mit Wirkung zum 1. Oktober 1922 trat der Herzogenauracher Bürgermeister Wilhelm Bausch von seinem Amt zurück. Zu sehr hatten ihn Auseinandersetzungen um die Wohnungsvergabe im ehemaligen Kommunbrauhaus zermürbt. Die Amtsgeschäfte übernahm bis zum Ende der Amtszeit der zweite Bürgermeister Johann Herold, Bayerische Volkspartei (BVP).

Die nur kurze Zeit betriebene Postkraftwagenlinie Erlangen-Weisendorf-Herzogenaurach-Münchaurach wurde ab dem 1. November 1922 wieder eingestellt. Schwierig blieb die Versorgung der Bevölkerung mit Brennstoffen. Zum Vertrauensmann des Reichskommissars für die Kohleversorgung wurde Stadtsekretär Hans Schürr ernannt.

Im Jahr 1904 hatten sich die Verantwortlichen der Stadt für eine Straßenbeleuchtung mit Gas entschieden. Im Jahr 1921 wurde die Gaserzeugung aus Karbid endgültig eingestellt und die Straßenbeleuchtung auf Strom umgestellt. Das Gebäude der ehemaligen Azetylengasanlage, Hausnummer 379, mit 460 Quadratmeter Fläche, wurde der Obst- & Gartenbaugenossenschaft um 56.900 M käuflich überlassen. Bis zum Abriss in Folge des Ausbaus der Hans-Maier-Straße war darin das Café Rosengarten beheimatet.

Zum Bedauern der Bürger wurde der Steg beim Schießhaus über die Aurach zum Köpfgäßchen entfernt. Um auf die südliche Seite der Aurach zu gelangen, musste man daher über die Steinerne Brücke oder die Bahnhofbrücke nutzen.

Mit der Abholzung der Alleen an der Plonergasse, zur Eckenmühle und der Ausforstungen am Wald konnte Brennholz erzielt werden. Mit dem Erlös aus dem Holzverkauf wurde die Hintere Gasse gepflastert.

Die Herzogenauracher Baugenossenschaft Eintracht hatte 1919 mit ihren Bauaktivitäten begonnen, bereits am 2. Januar 1920 konnten sechs Wohnungen in der Eichelmühlgasse 6, 8 und 10 bezogen werden. Die abgeschlossenen Dreizimmerwohnungen mit Vorplatz waren für Arbeiterwohnungen ein Fortschritt und auch wegweisend für alle späteren Wohnungsbauten in Herzogenaurach.

Stall für Kleintiere wie Schweine

Auf Wunsch der Mitglieder wurde für jede Wohnung auch ein Stall für Kleintiere wie Schweine, Ziegen und Gänse erstellt. Zur Selbstversorgung hatte jeder Eigentümer außerdem ein Gartengrundstück. Im Sommer des Jahres 1921 wurde der zweite Wohnblock an der Eichelmühlgasse, Hausnummer 12, 14 und 16, mit weiteren sechs Dreizimmerwohnungen fertiggestellt. Jede Wohnung war mit einem WC, Herd, Ofen und Spülnische ausgestattet. Außerdem wurde ein zweiter Brunnen angelegt. Danach brachte allerdings die einsetzende Inflation die Bauaktivitäten zum Erliegen. Im Jahr 1922 standen in Herzogenaurach 88 Familien auf einer Liste, denen dringend eine größere Wohnung zugewiesen werden sollte. Darunter befanden sich Eltern, die mit ihren fünf Kindern oder mehr in einem Zimmer untergebracht waren.

Auf großen Widerstand stießen die Verantwortlichen der Stadtverwaltung in der Bevölkerung, wenn leerstehende Räume an Wohnungssuchende zwangsvermittelt wurden.

Bürgervertreter waren sehr aktiv

Um dem Mangel abzuhelfen wurden die ersten städtischen Baugrundstücke beim Ritterskeller in der Würzburger Straße, nunmehr Schürrstraße, ausgewiesen. Beschlossen wurde im Jahr 1922 die Ausschulung der Kinder von Niederndorf und Haundorf, da dort eigene Schulgebäude im Bau waren, die im Jahr 1923 bezogen werden konnten.

Die Bürgervertreter waren sehr aktiv, im Jahr 1922 wurden 34 Stadtratssitzungen, 26 Bauausschusssitzungen, 21 Verwaltungssitzungen und rund 30 Wohnungsamtssitzungen abgehalten. Durch die Stadtverwaltung wurden 219 amtliche Bekanntmachungen erlassen.

Für die Bevölkerung machte sich eine allgemeine Teuerung bemerkbar, die Inflation erreichte besonders im Jahr 1923 ungeahnte Höhen. Pfarrer Müller notierte in seiner Pfarrchronik für das Jahr 1922: "Traurige Weihnachten! Es ist alles wahnsinnig teuer geworden, Lebensmittel usw. (der billigste Bleistift kostet 20 Mark, die billigste Schreibfeder 4,50 Mark)"

Vor allem Bedürftige, Klein- und Sozialrentner litten schwere Not. Zu ihrer Unterstützung wurde ein Caritas-Ausschuss mit dem Pfarrer als Vorstand gebildet. Die Stadtbewohner, die noch geben konnten, waren wohltätig. Verschiedene Stadtkinder wurden von gutherzigen Leuten längere Zeit aufgenommen.

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