Pfeilgenau vor Geisterkulisse

Bogenschützen aus Neumarkt behalten Bundesliga-Aufstieg im Visier

Kevin Gudd
Kevin Gudd

Neumarkter Nachrichten

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9.1.2022, 17:28 Uhr
Eigengewächs Alexander Nißlbeck hat sich zur Stammkraft bei den Neumarkter Bogenschützen in der zweiten Liga entwickelt. Der 22-Jährige zieht das Gruppenerlebnis jedem Einzelturnier vor. 
 

Eigengewächs Alexander Nißlbeck hat sich zur Stammkraft bei den Neumarkter Bogenschützen in der zweiten Liga entwickelt. Der 22-Jährige zieht das Gruppenerlebnis jedem Einzelturnier vor.    © NNZ

Mit der dezenten Ruhe einer Bibliothek hat die Atmosphäre in der Halle des Gluck-Gymnasiums überraschenderweise nicht viel gemein. Es ist ganz schön anstrengend, das charakteristische Schnalzen beim Abschuss und den um Sekundenbruchteile verzögerten, dumpfen Aufprall der Pfeile auf den hölzernen Scheibenständern vom Rest der Geräuschkulisse zu trennen.


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In einer Ecke fristen Plüsch-Maskottchen und Getränkeflaschen auf den akkurat nach Mannschaften getrennten Tischgarnituren ein einsames Dasein, während ein paar Meter weiter am Schießstand reges Gewusel herrscht und locker geplaudert wird. Dazu dringt hintergründig Musik aus den Lautersprecherboxen von der Decke. Die Hitliste der Gastgeber umfasst vor allem Pop- und Rocknummern von Bon Jovis "Livin' on a Prayer" bis "Don't stop me now" von Queen. "Solche Songs passen gut zum Schuss-Rhythmus", erklärt die erfahrene Aktive und Neumarkter Vereinsvorsitzende Andrea Lerzer. Deutschsprachige Schlager hingegen würden die Konzentration eher stören.

Trommeln auf der Tribüne

Akustische Empfindlichkeiten wie auf dem Golfplatz wurden beim Bogenschießen früher einmal gepflegt, gerade bei den Mannschafts-Wettbewerben in der Halle aber geht es stimmungsvoll zu, sogar Trommeln sind im Publikum erlaubt. Von bis zu 100 Zuschauern in pandemiefreien Zeiten und regelrechten Volksfesten beim Finalturnier um die Deutsche Meisterschaft berichtet Klub-Urgestein Roland Wexler. "Das Schöne für Beobachter ist, dass sie den Überblick über den Schießstand haben und mit jedem abgeschossenen Pfeil mitfiebern können."

Bei aller Geselligkeit stehe freilich das sportliche Ergebnis im Mittelpunkt. Auf eine Entfernung von nur 18 Metern im Gegensatz zu den weiteren Distanzen unter freiem Himmel ist absolute Präzision gefordert. Das goldene Zentrum auf der 40-Zentimeter-Papier-Auflage für die maximalen zehn Punkte hat einen Durchmesser von lediglich vier Zentimetern, jeder Treffer außerhalb des fünften Rings (sechs Zähler) wird als Fehlversuch gewertet. "Ein Achter im Schnitt ist praktisch nicht verzeihbar", weiß Wexler über die Qualität in der zweiten Bundesliga.

Noch mehr nervliche Anspannung beschert der Modus. Innerhalb von 120-Sekunden müssen jeweils drei Akteure pro Team, die bei Meisterschaften im Freien 36 Pfeile zur Verfügung haben, hintereinander zwei Schüsse abgeben. Wer zu lange zielt, sieht die Zeit auf der digitalen Anzeige unerbittlich nach unten ticken und vergeudet zusätzlich Muskelkraft zum Aufziehen des Recurvebogens, dessen Länge typischerweise der Körpergröße entspricht.

Ein Durchgang dauert nur 120 Sekunden. Danach dürfen die Präzisions-Asse die Trefferpunkte aus der Nähe zählen und ihre Pfeile einsammeln. 
 

Ein Durchgang dauert nur 120 Sekunden. Danach dürfen die Präzisions-Asse die Trefferpunkte aus der Nähe zählen und ihre Pfeile einsammeln.    © NNZ

Gleichzeitig sollten die Kontrahenten der Versuchung widerstehen, auf das Trefferbild der Nebenbahn zu blicken. Denn die Mannschaften treten in parallelen Begegnungen Duell für Duell gegeneinander an. Jede Partie besteht aus maximal fünf Durchgängen über jene zweimal sechs Schuss. Für die größere Ausbeute pro Satz gibt es zwei Punkte. Wer zuerst sechs Punkte schafft, entscheidet das Match für sich.

Es sind diese Rahmenbedingungen, die Lokalmatador Alexander Nißlbeck bei seinem Auftritten mit der Mannschaft ein ganz "spezielles Gefühl" bescheren, auch wenn diesmal die Tribüne leer bleiben muss. Der 22-Jährige aus dem Pyrbaumer Ortsteil Schwarzach qualifizierte sich als Jugendlicher mehrfach für den bayerischen Landeskader und stand bereits an der Schwelle zur Professionalisierung, als er den Eintritt in den Polizeidienst erwog, aber behielt sich das Schießen lieber als Freizeitvergnügen bei.

Zwei bis drei Trainingseinheiten absolviert der Bauzeichner pro Woche, um gerüstet zu sein für die Höhepunkte der Saison, die für ihn im Winter-Halbjahr liegen. "Man feuert sich gegenseitig an", betont Nißlbeck den Reiz des Gruppenerlebnisses im Vergleich zu Einzelerfolgen bei Turnieren. Ursprünglich fand er vor zehn Jahren zum Bogenschießen, nachdem er beim Urlaub im Ferienclub neidisch dem Papa beim Üben zusehen musste.

Nun trägt Nißlbeck in der Neumarkter Mannschaft die Bürde, als Erster in der Reihe die Duftmarke für jeden Durchgang zu setzen. Doch der junge Mann mit Vollbart wirkt gelassen, nimmt sich zehn Minuten vor dem Auftakt noch kurz Zeit zum Gespräch. "Ich habe keine bestimmten Rituale, um in die Konzentration zu kommen. Zur Vorbereitung gibt es meistens noch eine Banane und dazu Wasser. Vor den ersten Probeschüssen achte ich darauf, den Oberkörper richtig aufzuwärmen und benutze ein Gummiband."

Am Ende der dreieinhalbstündigen Veranstaltung erzielt Nißlbeck einen Durchschnittswert von 9,0 Punkten und darf damit genauso zufrieden sein wie Mitstreiter Andreas Kohl (9,38), Erik Kohler (8,89) und Andrea Lerzer (9,19), die als Ersatz zum Einsatz kommt. Weil die zweite Formation des Bundesligisten SGi Welzheim als achtes Team der Staffel coronabedingt auf den Start verzichtet, bestreiten alle anderen sechs reguläre Begegnungen und schießen einmal außer Konkurrenz. Unter dem Strich verbuchen die BS Neumarkt, die am bisher einzigen Spieltag im November fulminant an die Tabellenspitze gestürmt waren, bei zwei Niederlagen und zwei Remis, unter anderem gegen den neuen Primus Tacherting II, 8:6 Zähler.

Fokus auf Ausbildung von Eigengewächsen

Der vierte Rang in der Tageswertung ändert nichts an der glänzenden Ausgangsposition im Aufstiegsrennen. Dort sind die Schützlinge von Trainer Michael Wexler, der nach der unfreiwilligen Wettkampfpause 2020/21 auf seinen Vater Roland gefolgt ist, punktgleich mit Ditzingen auf Platz zwei notiert. Falls der finale Spieltag Anfang Februar in Welzheim stattfindet, müsste allein der viertplatzierte Verfolger PSV München auf Distanz gehalten werden. Denn die ersten beiden Plätze berechtigen zum Sprung ins Oberhaus, wobei Tacherting gemäß Statuten nicht mit seiner zweiten Vertretung aufrücken darf und nach aktuellem Stand also Neumarkt und Ditzingen den Vortritt lassen müsste.

"Wir machen uns schon den Druck und wollen zurück auf die Bundesliga-Bühne", sagt Roland Wexler mit Blick auf die zehnjährige Zugehörigkeit der BS bis zum Abstieg 2020. Die etablierten Top-Adressen des Landes mit ihren Stützpunkt-Talenten und eingekauften Auslands-Legionären aus eigener Kraft zu ärgern, bilde weiterhin den Anspruch des oberpfälzer Ausbildungsvereins von der Habersmühle.

Binnen zwei bis drei Jahren würden ambitionierte Eigengewächse, die sich aus den Einsteigers-Kursen herauskristallisieren, über die zweite und dritte Mannschaft ans hochklassige Niveau herangeführt. Das Interesse sei trotz der geringen Präsenz in der Öffentlichkeit mit Ausnahme von Olympischen Spielen und pandemiebedingten Planungsschwierigkeiten ungebrochen, freut sich Roland Wexler auf 17 Neuanmeldungen für 2022. "70 bis 80 Prozent gefällt es meist so gut, dass sie dem Verein erhalten bleiben." Damit sie dann auch irgendwann zu "Livin' on a Prayer" sehr gut Pfeile auf eine Scheibe schießen können.

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