Übergewicht schwächt das Immunsystem

Bauchfett erhöht das Risiko für eine schwere Covid-Erkrankung

8.5.2022, 05:58 Uhr
Je stärker das Übergewicht, desto größer ist das Risiko

© imago stock&people Je stärker das Übergewicht, desto größer ist das Risiko

Frustessen, wenig Aktivität, wenig Sport: Faktoren wie diese haben dazu geführt, dass viele Deutsche in der Pandemie kräftig zugelegt haben. Allein das ist schon eine ungesunde Tatsache. Schlimmer wird das Ganze dadurch, dass Übergewicht das Risiko für schwere Covid-Verläufe deutlich erhöht.

"Das ist ein perfider Zusammenhang", sagt Professor Baptist Gallwitz, Mediensprecher der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Was vielen dabei nicht klar ist: Nicht nur stark adipöse Patienten sind gefährdet. Auch Menschen, die schlank wirken, aber am Bauch reichlich Fett eingelagert haben, sind schlechter dran.

Adipöse Patienten leiden öfter an Long Covid

Schon früh in der Pandemie hat sich abgezeichnet, dass bei Covid-19-Patienten mit Adipositas die Wahrscheinlichkeit erhöht ist, intensivmedizinisch behandelt werden zu müssen. "Es besteht ein linearer Zusammenhang: Je stärker das Übergewicht, desto größer ist das Risiko", sagt Gallwitz.

Möglicherweise leiden adipöse Patienten auch häufiger an Long-Covid. "Aber natürlich kommt es auch darauf an, welche anderen Begleiterkrankungen die Patienten haben." So können sich unter anderem Bluthochdruck, Diabetes, Nieren- oder Lebererkrankungen negativ auswirken. Außerdem gilt: Je älter der Patient, desto größer das Risiko.

Dass überschüssige Kilos bei Covid-19 so gefährlich sind, hat mehrere Gründe. "Zum einen reagiert das Immunsystem bei Menschen mit Adipositas schwächer", erklärt Professor Matthias Blüher, Vorstandsmitglied der Deutschen Adipositas-Gesellschaft. Überschüssiges Fettgewebe provoziert nämlich eine chronische Entzündungsreaktion, die das Immunsystem laufend aktiviert. Das führt dazu, dass es für den Kampf gegen Viren wie SARS-CoV-2 schlechter gerüstet ist.

"Zum anderen ist bei zu viel Bauchfett die Lunge schlechter belüftet, denn sie hat weniger Platz, sich beim Atmen auszudehnen", sagt der Experte vom Uniklinikum Leipzig. Dadurch ist die Lungenfunktion insgesamt schlechter, was sich negativ auf den Verlauf von Covid-19 auswirkt.

Die Viren vermehren sich im Fettgewebe

Abgesehen davon dient Fettgewebe den Viren offenbar als Depot. Darauf weist unter anderem eine Studie des Leibniz-Instituts für Experimentelle Virologie und dem Uniklinikum Hamburg-Eppendorf hin, bei der diverse Gewebeproben verstorbener Covid-Patienten untersucht wurden. Die Forscher konnten SARS-CoV-2 dabei häufig im Fettgewebe nachweisen – und zwar vor allem bei übergewichtigen oder adipösen Männern. "Die Viren vermehren sich im Fettgewebe", erklärt Blüher. "Je mehr Fettgewebe vorhanden ist, desto größer ist die Gefahr, dass sich ein Viren-Reservoir bildet."

Eine klare Grenze, ab wann überschüssige Pfunde Covid-Patienten zum Verhängnis werden, gibt es nicht. "Mit jedem Kilo zu viel steigt das Risiko", sagt Blüher. Eine britische Studie deutet darauf hin, dass die Gefahr, ins Krankenhaus eingewiesen zu werden, schon bei einem Body-Mass-Index von 23 wächst – einem Wert also, der noch unterhalb der Schwelle zum Übergewicht liegt.

Dazu hatte ein Forscherteam der Universität Oxford die Daten von 6,9 Millionen Patienten aus 1500 Hausarztpraxen ausgewertet, von denen rund 13 500 wegen Covid im Krankenhaus behandelt werden mussten. Das Sterberisiko erhöhte sich ab einem BMI von 28, also bei deutlichem Übergewicht.

Bauchfett ist gefährlicher als Hüftfett

Allerdings sollte man sich nicht bloß am Körpergewicht und auch nicht am äußeren Eindruck orientieren. Sehr viel wichtiger ist die Fettverteilung: "Es kann täuschen, wenn jemand schlank wirkt", meint Blüher. Denn manchmal sammelt sich auch bei Menschen, die gar nicht dick wirken, in der Körpermitte zu viel Fett. Eine solche "Apfelform", wie sie bevorzugt bei Männern vorkommt, ist gefährlich. "Die Daten zeigen: Bauchfett ist gefährlicher als Hüftfett."

Das sogenannte Viszeralfett im Inneren des Bauches hat nämlich einen besonders aktiven Stoffwechsel. Es produziert unter anderem entzündungsfördernde Stoffe, durch die schwere Infektionen begünstigt werden. Und nicht nur das. So sagt Gallwitz: "Bauchfett ist für weitere Nebeneffekte verantwortlich, zum Beispiel erhöht es das Risiko für Bluthochdruck und Insulinresistenz." Diese gelten wiederum als Risikofaktoren für einen schweren Covid-Verlauf.

Auch bei Diabetes gilt die einfache Regel: Je mehr Viszeralfett, desto höher das Erkrankungs-Risiko. Botenstoffe, die in den Fettzellen am Bauch gebildet werden, setzen die Wirkung von Insulin in den Zellen herab und fördern so langfristig die Entstehung von Typ-2-Diabetes.

"Vor allem Menschen mit schlecht eingestellten Blutzuckerwerten haben ein erhöhtes Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken", sagt Gallwitz. Bei ihnen ist nämlich das Immunsystem häufig geschwächt. Daher ist es wichtig, die Blutzuckerwerte gut zu kontrollieren. Aber: Da Typ-2-Diabetes lange Zeit keine Symptome bereitet, wissen viele gar nichts von ihrer Krankheit. Aus diesem Grund ist ein Gesundheits-Check sinnvoll, der gesetzlich Versicherten ab 35 Jahren alle drei Jahre zusteht.

Immerhin gibt es eine gute Nachricht: Auch eine kleine Gewichtsreduktion bringt schon eine Menge. "Das Immunsystem belohnt es, wenn man auch nur wenige Kilos verliert", sagt Blüher. "Da wirkt es sich auch aus, dass man am Bauch zuerst abnimmt."

Für einen langfristigen Effekt hat sich die Kombination aus körperlicher Aktivität und Ernährungsumstellung bewährt. Crash-Diäten bergen dagegen die Gefahr eines Jojo-Effekts.

Tipps für die Taille

Bauchumfang: Auch schlanke Menschen können zu viel Bauchfett haben. Wer es genau wissen will, misst nach: Gemessen wird an der schmalsten Stelle zwischen oberem Beckenkamm und unterem Rippenbogen – etwa auf Höhe des Bauchnabels. Bei Frauen sollte der Umfang unter 80 Zentimetern, bei Männern unter 94 Zentimetern liegen. Wer am Bauch abnehmen will, muss das Gewicht insgesamt reduzieren, und zwar durch eine Ernährungsumstellung und mehr Bewegung.

Ernährung: Hungern muss nicht sein – im Gegenteil: Wer Mahlzeiten auslässt, läuft Gefahr, Heißhunger zu entwickeln und dann erst recht zuzuschlagen. Besser sind daher regelmäßige Mahlzeiten, bei denen man aber weniger Lebensmittel mit hoher Energiedichte, also keine sehr fettigen und süßen Speisen, zu sich nimmt. Pommes lassen sich durch Ofenkartoffeln ersetzen und Nudeln durch Zucchini. Außerdem bringt es viel, auf kalorienreiche Getränke wie Bier oder Limonade zu verzichten.

Bewegung: Regelmäßiger körperliche Aktivität kann das Abnehmen beschleunigen. Zu hohe Erwartungen sollte man allerdings nicht haben: Oft wird dabei weniger Energie verbraucht als man meint. Aber es bringt schon etwas, Bewegung in den Alltag einzubauen, also mit dem Rad zum Einkaufen zu fahren, Treppen zu steigen, abends spazierenzugehen statt fernzuschauen. Ansonsten empfiehlt sich vor allem Ausdauersport wie Joggen, Walken, Radfahren oder Schwimmen.