Lebte Aschenbrödel in Nordböhmen?

Aus Kasernen und Scheunen wurden hier wieder prächtige Märchenschlösser

Hans von Draminski
Hans von Draminski

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18.12.2021, 07:35 Uhr
Wallensteins Schloss Friedland (Frydlandt) in Nordböhmen ist bis heute eine Prachtanlage.

Wallensteins Schloss Friedland (Frydlandt) in Nordböhmen ist bis heute eine Prachtanlage. © Hans von Draminski, NN

Bald läuft wieder der Weihnachtsklassiker aller Märchenfilme: „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Für viele DER tschechische Märchenfilm, der auf einem böhmischen Schloss gedreht wurde. Doch der Film ist eine tschechisch-DDR-deutsche Produktion. Und gedreht wurde nicht in Böhmen, sondern auf Schloss Moritzburg bei Dresden. So oder so, das nahe Böhmen ist für seine Schlösser berühmt, die teils kurz vor dem Abriss standen.

Geldmangel brachte die Rettung

Der chronische Geldmangel in der Tschechoslowakei nach 1945 rettete sie zunächst, denn er verhinderte den Abriss von Kulturstätten in der CSSR. Reist man zwischen Litomeřice (Leitmeritz), Ústí nad Labem (Aussig an der Elbe) und Liberec (Reichenberg) von Schloss zu Burg, dann ist es ein wenig, als habe man eine Zeitmaschine angeworfen - grob programmiert auf die Jahrhunderte vor den alles verändernden Weltkriegen.

Epochen, in denen Könige und Kaiser mehr oder weniger glücklich über mehr oder weniger freie Untertanen regierten und in denen Europa praktisch keine Grenzen im heutigen Sinne hatte, weil die Territorien der Monarchen nachgerade riesig waren.

Böhmen war Teil des ausgedehnten Habsburger-Reiches. Woraus sich erklärt, dass die Innenstädte von Liberec (Reichenberg) oder Uštěk (Auscha) immer noch das nostalgische Flair der K.u.K.-Zeit atmen, öffentliche Gebäude wie Rathäuser das Schönbrunner Gelb des habsburgischen Spätbarocks behalten haben und die Kirchen zumindest in kleinen Gemeinden über den höchsten Turm verfügen.

Noch immer kann man Schlösser billig kaufen

Wie Edelsteine auf einer Kette verteilt finden sich überall Burgen und Schlösser, denen die Wende 1989/90 die endgültige Rettung brachte: Was verfiel, wurde in den vergangenen drei Jahrzehnten renoviert und restauriert, aus Ruinen wurden Publikumsmagneten für Touristenströme aus dem In- und Ausland.

Wer in Nordböhmen Schlösser besichtigt, sollte gut zu Fuß sein: Es gibt steile Aufstiege, viele Treppen, aber gewiss keine Aufzüge.

Wer in Nordböhmen Schlösser besichtigt, sollte gut zu Fuß sein: Es gibt steile Aufstiege, viele Treppen, aber gewiss keine Aufzüge. © Hans von Draminski, NN

"Man kann immer noch Schlösser billig kaufen, hat dann aber die Verpflichtung, die Gebäude herzurichten und instand zu halten", weiß Markéta Chaloupková, Berlin-Direktorin von "CzechTourism", der Tschechischen Zentrale für Tourismus. Die Tschechische Republik hat nach dem Ende des sowjetisch dominierten Sozialismus gelernt, wie sich nicht nur das historische Erbe touristisch vermarkten lässt.

Theresienstadt: Festung und KZ

In den Schlössern spiegelt sich der Geschmack der einstigen Bewohner wider.

In den Schlössern spiegelt sich der Geschmack der einstigen Bewohner wider. © Hans von Draminski, NN

Auch dunkle Punkte werden nicht ausgespart: In der Festungsstadt Terezín (Theresienstadt) führt der Doktorand Jiři Hofman die Gäste durch "seine" Festung aus dem 18. Jahrhundert und zeigt unter anderem Modelle der von Kaiser Josef II. errichteten Festungsanlage, deren abschreckende Wirkung so groß war, dass sie nie belagert wurde.

Die Undurchlässigkeit der viele Meter dicken Mauern funktionierte in beide Richtungen, deshalb entstand hier im Zuge des an den Juden verübten Holocausts der Nationalsozialisten das Getto beziehungsweise Konzentrationslager Theresienstadt, mit der Kleinen Festung als Gestapo-Foltergefängnis.

Viel Grün gehört bei den alten Schlossanlagen - hier Ploskovice - dazu.

Viel Grün gehört bei den alten Schlossanlagen - hier Ploskovice - dazu. © Hans von Draminski, NN

Und weil hier eine ganze Stadt als gigantischer, bewusst überfüllter Kerker diente, sind heute die Stätten des Gedenkens an die qualvolle Massenvernichtung relativ spärlich gesät, denn hier wohnen wieder Menschen. Immerhin gibt es auch ein Getto-Museum. Wichtige Gebäude sind gleichwohl dem Verfall preisgegeben, weil es auch dem EU-Mitglied Tschechien an der nötigen Finanzkraft fehlt, die steinernen Zeugen der Vergangenheit adäquat zu restaurieren.

Parkanlagen und Grotten

Zumal elegante Sommersitze wie das Barockschloss Ploskovice (Ploschkowitz nahe Leitmeritz) zweifellos höheren Schauwert haben. Weitläufige Parkanlagen, eine künstliche Grotte mit prunkvollen Wasserspeiern und nobel ausgestattete Wohnräume lassen erahnen, wie luxuriös die toskanische Adelige Anna Maria in Nordböhmen residierte. Was oftmals fehlt, ist die aus dem Westen Europas mittlerweile gewohnte museumspädagogische Aufarbeitung.

In den langen Schlossfluren hängen Ahnenporträts und andere Kunstwerker.

In den langen Schlossfluren hängen Ahnenporträts und andere Kunstwerker. © Hans von Draminski, NN

Jene, die für die Führungen zuständig sind, beschränken sich auf das Herunterleiern historischer Eckdaten, die Gäste sich selektiver (und schneller) aus den meist in allen wichtigen Sprachen verfügbaren Schloss- und Burgführern herauslesen können. Mit Konzerten und Ausstellungen ist im Jahr 2021 auch die Kultur wieder fest in den einstigen Adelsbesitzungen verankert.

Craftbeer-Brauer und Winzer

Annähernd so zahlreich wie Burgen und Schlösser sind in Nordböhmen die Brauereien und Weingüter. Qualität geht hier klar vor Quantität, auch die Craftbeer-Bewegung nimmt gerade an Fahrt auf. Eine der prägenden Figuren des Dreißigjährigen Krieges war Herzog Albrecht von Wallenstein (eigentlich Waldstein). Frýdlant (Friedland im Isergebirge), Burg mit angebautem Renaissanceschloss, nannte er "Terra Felix" ("glückliche Erde") und ließ es sich hier bis zu seiner Ermordung oft und gerne gut gehen.

Die Burg Grabstejn (Grafenstein) ist eine typische Trutzburg. Und ein Tourismusmagnet.

Die Burg Grabstejn (Grafenstein) ist eine typische Trutzburg. Und ein Tourismusmagnet. © Hans von Draminski, NN

Unterhalb des Schlosses liegt die zugehörige Schlossbrauerei, die auf die in der Region sehr dominante Adelsfamilie Clam-Gallas zurückgeht. Hier hat ein junges Team das Kommando, setzt sich intensiv mit dem Thema Bier auseinander – und durfte für seine unter dem naheliegenden Label Albrecht vermarkteten Kreationen, darunter ein ebenso starkes wie schmackhaftes Irish Stout, schon diverse internationale Preise einheimsen.

Knödel und Gulasch

Wer gerade gefühlt 10.000 Stufen in altem Gemäuer bewältigt hat, weiß die böhmische Küche nach der Anstrengung umso mehr zu schätzen. Knödel und Gulasch, Palatschinken und "Hermelin" (eingelegter Käse) sind heute wie zu Kaisers Zeiten Selbstläufer, ohne die ein Aufenthalt im Land der Burgen und Schlösser nicht komplett wäre.

Was eingeplant werden sollte, ist Zeit. Einerseits gibt es in ganz Böhmen eine schier unübersehbare Zahl von sehenswerten Burgen und Schlössern, andererseits ist gerade das im Lauf der Geschichte so oft zum Spielball zwischen verschiedenen Nationen gewordene Böhmen mit seinem deutsch-österreichisch-tschechischen Hintergrund ein Lehrstück dafür, wie sich ein europäisches Selbstverständnis entwickeln kann. Der Umgang mit der Vergangenheit wird zusehends unverkrampfter. Und die im Zuge des Nationalismus gezogenen Grenzen beginnen sich wieder aufzulösen.

Mehr Informationen: CzechTourism, Tschechische Zentrale für Tourismus, www.visitczechrepublic.com, Wilhelmstraße 44, 10117 Berlin, Telefon (030) 204 4770; Ansprechpartner: Markéta Chaloupková (Direktorin), E-Mail: berlin@czechtourism.com, Geschäftsstunden: Mo – Fr: 9 - 13 und 14 - 17 Uhr

Anreise: Mit dem Auto von Nürnberg nach Litomeřice 401 Kilometer, knapp vier Stunden über teilweise mautpflichtige Straßen (Autobahnen), Mit dem Zug von Nürnberg nach Dresden, nach Umstieg in Nahverkehrszüge weiter von Dresden nach Liberec (zweistündlich), oder Usti nad Labem/Litomeřice (an Wochenenden im Sommerhalbjahr). Etwa sechs Stunden Fahrzeit.

Beste Reisezeit: Ganzjährig. Im Winter kann es allerdings sein, dass manche Schlösser und Burgen nicht immer geöffnet haben, deshalb vorher im Internet die entsprechenden Öffnungszeiten recherchieren.

Unterkunft: In Litomeřice zwischen 34 Euro (einfache "Penzion") und 81 Euro ("Grand Hotel Salva"), Vermittlung über die bekannten Reiseportale oder CzechTourism.

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