Wenig Zutaten, große Wirkung?

Besser Einschlafen dank Instagram-Trend: Das kann der "Sleepy-Girl-Mocktail"

Carolin Heilig

Volontärin

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16.3.2024, 15:00 Uhr
Ist der "Sleepy Girl Mocktail" seinen Hype wert?

© Monika Skolimowska/dpa Ist der "Sleepy Girl Mocktail" seinen Hype wert?

Probleme beim Einschlafen? Ein Social Media Trend weiß Rat. Im stylisch schwarzen Pyjama mit weißer Knopfleiste mischt sich die kanadische Ernährungsinfluencerin Jordana Hart auf ihrem Instagram-Channel "ihartnutrition" einen sogenannten "Sleepy Girl Mocktail". Das Getränk empfiehlt sie ihren 243.000 Followern, wenn sie Probleme beim Ein- oder Durchschlafen haben.

Es sind denkbar wenige und simple Zutaten, die beim Schlummern helfen sollen. Man nehme ein Glas, das optional mit Eiswürfeln gefüllt ist. In das Glas kommen Sauerkirschsaft, Magnesiumpulver und wahlweise Mineralwasser oder Limonade zum Auffüllen. Am Ende des kurzen Videos steht, man schlafe nach dem Genuss des Getränks wie ein Baby.

Der "Sleepy-Girl-Mocktail"-Trend ist beliebt. Bei Instagram gibt es fast 2000 Beiträge mit dem Hashtag "sleepygirlmocktail", bei TikTok sind es sogar knapp 7000. "Mocktail" ist übrigens einfach nur das neue Wort für alkoholfreie Cocktails.

Aber funktioniert dieser Trend wirklich?

"Das ist in dem Fall nicht so einfach zu beurteilen", sagt die Ernährungswissenschaftlerin Luisa Hardt vom Uniklinikum in Erlangen über die Getränkezubereitung in den sozialen Medien. "Man weiß nicht, wie viel und welcher Saft und wie viel Magnesium jeweils konkret verwendet wurden." Auf den ersten Blick könnten die Bestandteile jedoch durchaus sinnvoll sein, meint sie.

Der Körper brauche Magnesium, um aus der Aminosäure Tryptophan das Hormon Melatonin zu bilden, das für den Schlaf-Wach-Rhythmus zuständig sei. Der Sauerkirschsaft enthalte wiederum sekundäre Pflanzenstoffe, die den Tryptophan-Abbau im Körper hemmen könnten, sodass mehr dieses Ausgangsstoffs für die Melatoninbildung zur Verfügung stehe.

Vorsicht bei zu viel Magnesium

Der Ernährungsmediziner Hans Hauner von der Technischen Universität München ist trotzdem skeptisch. "Die Datenlage dazu ist sehr dünn. Das sind meistens kleine Studien mit einer ausgewählten Gruppe von Testpersonen." Vor allem zweifelt er daran, dass es sinnvoll ist, Magnesium zusätzlich einzunehmen.

Der Körper könne Magnesium besser in kleineren Mengen über den Tag verteilt aufnehmen als einmal in einer höheren Dosis, ergänzt Hardt. Nahrungsergänzungsmittel seien oft sehr hoch konzentriert und überschritten die vom Bundesinstitut für Risikobewertung empfohlene Tageshöchstmenge von 250 Milligramm. "Das kann zu Magen-Darm-Beschwerden, vor allem Durchfällen, führen - was die Nachtruhe erheblich stören kann."

Die Kirsche macht's

Ähnlich könnte sich der Sauerkirschsaft bei Menschen auswirken, die empfindlich auf Säure reagieren, sagt Hauner. Die sekundären Pflanzenstoffe, die den Schlaf fördern sollen, seien dagegen nur in Mikrogrammmengen enthalten. "Die Konzentration ist so gering, dass eine Wirkung nicht plausibel ist."

Zumal der Gehalt an sekundären Pflanzenstoffen von Sauerkirschsaft zu Sauerkirschsaft nach Angaben von Hardt sehr stark schwanken kann. Studien zu dessen schlaffördernder Wirkung verwendeten meist Saft der Montmorency-Sauerkirsche, einer speziellen Sorte, die besonders viele sekundäre Pflanzenstoffe und Melatonin enthalte, erläutert sie. Diese werde aber hauptsächlich in den USA und Kanada angebaut. Deshalb sei der Saft im Supermarkt hierzulande eher nicht erhältlich.

Jeder Mensch schläft mal schlecht. Aber sechs bis zehn Prozent der Menschen in Deutschland würden an einer behandlungsbedürftigen Schlafstörung leiden, sagt Hans-Günter Weeß, Leiter des interdisziplinären Schlafzentrums des Pfalzklinikums in Klingenmünster in Rheinland-Pfalz. "Das sind mindestens fünf Millionen Menschen. Deshalb kann man von einer Volkskrankheit sprechen."

Wirkungslos, aber harmlos

Der "Sleepy Girl Mocktail" hat seiner Ansicht nach keinerlei Wirkung - zumindest, wenn man nur die Inhaltsstoffe betrachtet. "Was wir bei Menschen mit Schlafstörungen in Studien feststellen ist, dass sie stark auf Placebos reagieren. Es könnte also sein, dass jemand eine Wirkung bei dem Drink spürt, wenn er fest daran glaubt", erläutert Weeß. Allein das Ritual, sich abends etwas Gutes zu tun und dabei zu entspannen, könne beim Einschlafen helfen.

"Es ist durchaus etwas, was man bei Schlafproblemen ausprobieren kann", findet Ernährungswissenschaftlerin Hardt. Im Vergleich zu Schlaftabletten seien deutlich weniger Nebenwirkungen zu erwarten.

Besser Tee oder heiße Milch

Einen Minuspunkt sieht Hardt dennoch beim "Sleepy Girl Mocktail". "Die meisten Menschen werden eher keinen Direktsaft trinken, der sehr sauer schmeckt, sondern Sauerkirschnektar, der mitunter einen hohen Zuckerhalt aufweist." Abends sollte man aber auf zuckerhaltige Getränke und Speisen verzichten, weil der Körper über Nacht sonst Insulin ausschütte, was langfristig eine Gewichtszunahme begünstigen könne, betont die Expertin.

Ihre Empfehlung deshalb: Besser einen Kräutertee trinken oder eine heiße Milch, der man auch entspannende, schlaffördernde Wirkung nachsagt. Wenngleich sich diese Getränke sicher nicht ganz so schön in einem Insta-Post in Szene setzen lassen.

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